Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck

Erfahrungen in Paris am Vorabend der Revolution

Bernd Klesmann

<1>

Die Grand Tour der heranwachsenden Zöglinge stand unter der Leitung eines Geistlichen aus dem Pays de Herve zwischen Lüttich und Aachen, eines gewissen Abbé Jacob. [1] Als französischer Muttersprachler und offensichtlich gut ausgebildeter junger Mann war er sicherlich ein rundum geeigneter Begleiter der gräflichen "Teenager" in Brüssel, und besonders in Paris, wo man im September 1787 eintraf. Die erhaltene Korrespondenz mit der Mutter in Dyck erlaubt einzigartige Einblicke in die alltäglichen wie auch in die außergewöhnlichen Begebenheiten des knapp zweijährigen Aufenthalts in der französischen Hauptstadt. [2]

<2>

Quartier nahmen die Reisenden zunächst in einem Gasthaus (Hôtel Notre-Dame) in der Rue du Paon unweit des Konvents der Cordeliers (Franziskaner), wo sich nach der Aufhebung der Klöster ab 1790 die Linksabweichler des Jakobinerclubs versammeln sollten (heute Boulevard Saint-Germain / Rue de l'École de Médecine). Zwei Wochen später bezog man eine möblierte Vier-Zimmer-Wohnung in der nahe gelegenen Rue des Francs-Bourgeois am Jardin du Luxembourg (heute ungefähr Rue de Médicis). Die monatliche Miete betrug 109 Livres (umgerechnet etwa 1.000 bis 1.300 Euro). [3] Schon bald jedoch setzte sich die urbane Odyssee der Reisenden fort. Es kam zum erneuten Umzug in die Rue des Mathurins (heute Rue du Sommerard) in eine größere, allerdings noch zu möblierende Wohnung für monatlich knapp 42 Livres (etwa 400 bis 600 Euro). Wie Abbé Jacob befriedigt feststellte, logierte man hier im Haus einer angesehenen Familie, der berühmten Druckerdynastie Barbou. [4]

<3>

Ein Vorteil der neuen Bleibe im Herzen des Quartier Latin lag in der unmittelbaren Nähe zum Collège Royal (heute Collège de France), wo Joseph ab November 1787 täglich die öffentlichen Vorlesungen in Literatur, Geometrie und Physik besuchte. [5] Dieser Kanon, der im folgenden Jahr noch erheblich erweitert werden sollte, wurde ergänzt durch regelmäßige Aufenthalte in einem Lesekabinett mit ausliegenden Tageszeitungen aus ganz Europa, durch Besichtigungen und Spaziergänge, beispielsweise im Jardin du Roy (heute Jardin des Plantes), durch Musik- und Schwimmunterricht (in einer École de natation am Seineufer, wo Joseph bald schwamm "comme un saumon") [6] und verschiedenste weitere Aktivitäten. Es spricht für die Offenheit des mitreisenden Abbé, dass er dieses ohnehin schon exzellente Erziehungsprogramm offensichtlich noch durch gezielt geplante Ausflüge bereicherte. So wohnten die Reisenden etwa dem Auszug des Königs aus dem Parlement de Paris nach der berüchtigten Séance Royale vom 19. November 1787 bei, in deren Umfeld sich die oppositionellen Strömungen der Hauptstadt lautstark zu artikulieren begannen. [7]

<4>

Im Mai 1788 knüpfte der junge Joseph schließlich erste Bekanntschaft mit der wissenschaftlichen Botanik, wie sein Lehrer und Erzieher in einem Schreiben an die Mutter berichtete. Vorlesungen über "Histoire naturelle", "Botanique" und "Chymie" führten die adligen Zöglinge eine Zeit lang täglich in den Jardin du Roy. [8] Im November begann eine öffentliche Vorlesung über "Physique expérimentale", die täglich in der gemeinsamen Wohnung repetiert wurde. [9]

<5>

Immer wieder ergänzten weiterhin Ausflüge und freie Besichtigungen das Programm. Man sah die Schlösser von Sceaux und Saint-Cloud, die Antikensammlung von Sainte-Geneviève unweit des Collège Royal, [10] ein andermal ging es in eine Tapetenmanufaktur im Faubourg Saint-Antoine, vermutlich jene des Fabrikanten Réveillon, die bald zum Schauplatz eines blutigen Arbeiteraufstands werden sollte. [11]

<6>

Während für die beiden Grafensöhne in Paris Harfen-, Fecht- und Tanzunterricht auf dem Programm stand, überstürzten sich in Versailles seit dem Eintreffen der Deputierten der Generalstände die politischen Ereignisse. Am 4. Juni 1789 ergab sich für die jungen Reisenden sogar die Gelegenheit, einer Beratung der Abgeordneten als Zuschauer beizuwohnen. Wie der 15-jährige Joseph in seinem Brief an die Mutter schilderte, ging es in der Sitzung des Dritten Standes (man tagte noch getrennt) um die Umstände der Zusammenarbeit mit Klerus und Adel – ein Vorgeschmack auf den Tag des berühmten Ballhausschwurs, der keine zwei Wochen später die Weichen in Richtung konstitutionelle Monarchie stellen sollte. Die turbulenten Debatten seien erst zur Ruhe gekommen, nachdem Graf Mirabeau "avec tant d'adresse et de modération" die Gemüter habe besänftigen und einen Kompromiss herbeiführen können. Diese knappen Aufzeichnungen Josephs sind umso wertvoller, als sie über die erhaltenen offiziellen Berichte über die Versammlung der Generalstände hinausgehen. Ausdrücklich vermerkte der junge Beobachter auch Ausbrüche allgemeiner Heiterkeit bei Verlesung der Entgegnungen des Klerus auf zuvor ergangene Mitteilungen des Dritten Standes. [12]

<7>

Ludwig XVI. und Marie-Antoinette hingegen zeigten sich nicht in Versailles, wie Joseph mit einer gewissen Enttäuschung vermerkte. Ihre Abwesenheit war allerdings nur zu verständlich – man trauerte am Hof um den Dauphin, den ältesten Sohn des Königspaares, der in der Nacht vor der erwähnten Sitzung im Alter von sieben Jahren nach langer Krankheit verstorben war.

<8>

Bereits im Frühjahr 1789 hatte die Gräfin Mutter in Übereinkunft mit dem Abbé die Weisung erteilt, im Sommer abzureisen und die Studien in einer deutschen Universitätsstadt fortzusetzen. Am 5. Juli 1789 verließ man in einer Reisekutsche die französische Metropole, die bald zum Schauplatz der großen Revolution werden sollte.

Anmerkungen

[1] Zu diesem vgl. Heinke Wunderlich: Studienjahre der Grafen Salm-Reifferscheidt (1780–1791). Ein Beitrag zur Adelserziehung am Ende des Ancien Régime, Heidelberg 1984 (= Beiträge zur Geschichte der Literatur und Kunst des 18. Jahrhunderts, 8), 325, Anm. 13. Vermutlich handelte es sich um Léonard-Guillaume-Joseph Jacob (1754–1799) oder um dessen Bruder Dieudonné-Joseph Jacob (1758–1826).

[2] Abgedruckt in: Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 228-324. Eine selektive Zusammenfassung gibt Margit Sachse: 'Als in Dyck Kakteen blühten...' Leben und Werk des Dycker Schlossherrn Joseph Altgraf und Fürst zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773–1861), Pulheim 2005, 57ff.

[3] Abbé Jacob an die Mutter der Grafen, Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 19. September 1787, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 282f.

[4] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 4. Oktober 1787, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 284f. Vermieter der Wohnung an die deutschen Gäste dürfte Joseph-Gérard Barbou (1723–1790) gewesen sein, der sein Geld insbesondere mit handlichen Ausgaben lateinischer Klassiker verdiente. Vgl. Paul Ducourtieux: Les Barbou imprimeurs, Lyon-Limoges-Paris (1524–1820), Limoges 1896, 302-315.

[5] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 7. Oktober 1787, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 285ff.

[6] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 14. Juni 1789, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 319.

[7] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 20. November 1787, vgl. Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 289f.

[8] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 8. Mai 1788, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 299f. Zur Entstehung des Jardin des Plantes, seiner Gewächshäuser und Tiergehege vgl. Philippe Dufay: Le roman du Jardin du Roy, Monaco [Paris] 2009.

[9] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 23. November 1788, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 309.

[10] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 2. Juli 1788, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 302f.

[11] Abbé Jacob an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 30. Oktober 1788, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 309.

[12] Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck an Augusta Maria zu Truchseß-Zeil-Wurzach, Paris, 10. Juni 1789, zitiert nach Wunderlich: Studienjahre (wie Anm. 1), 279. Das Sitzungsprotokoll des 4. Juni erwähnt keine Intervention Mirabeaus, wohl aber kontroverse Debatten zur Frage der Kommunikation bzw. der Vereinigung mit den Abgeordneten des Adels. Beschlossen wurde, wie auch Joseph in seinem Brief andeutet, die Genehmigung eines durch königliche Kommissare redigierten Sitzungsprotokolls sowie die weitere Betrauung dieser Kommissare mit der Redaktion der Protokolle. Vgl. Archives Parlementaires, 1re série, 1789–1799, Bd. 8, 66 [4. Juni 1789].

Empfohlene Zitierweise
Bernd Klesmann, Erfahrungen in Paris am Vorabend der Revolution, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/netzbiographie/ancien-regime/paris-um-1789/?L=1 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 19.01.2017