Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck

Perspektivische Bestandsaufnahme der Befunde

Martin Otto Braun und Florian Schönfuß

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Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773–1861) ist Exponent einer Zeit tiefgreifender Umbrüche, einer Epoche des beschleunigten Wandels, die in deutlich gesteigertem Maße "Gewinner und Verlierer" hervorbrachte. Nach einem bewegten Leben starb er am 21. März 1861 im Alter von 87 Jahren in Nizza. Die multiperspektivische Netzbiographie seiner Person ist in ihrer vorliegenden Form aus einem ersten Konvolut biographischer Bausteine zusammengesetzt, die Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck in all dem Facettenreichtum seiner Person, in den ganz unterschiedlichen Handlungs- und Erfahrungsräumen, die er auf seinem Lebensweg durchschritt, in den verschiedenen "Arenen", in denen er "sichtbar" wurde, darstellen. Sie entwirft ihn als "Messlatte" seiner Standesgenossen, adliger "Gewinner und Verlierer" der Umbruchszeit um 1800. Das in der jüngeren Forschung oft apostrophierte Ringen um das "Obenbleiben", das den europäischen Adelsstand spätestens seit dem Anbruch des "Zeitalters der Französischen Revolution" charakterisierte, meisterte Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck mit Bravour. Oder, anders formuliert: Er setzt in dieser Beziehung "Maßstäbe". Und doch blieb er während seines individuellen "Aufbruchs in die Moderne" keineswegs ungeschoren, hatte auf seinem Lebensweg schmerzliche Verluste zu beklagen, Demütigungen zu ertragen und eine Reihe harter Kämpfe zu bestehen.

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Bereits in seiner Kindheit lag für ihn als erstgeborenem Erbfolger und künftigem Altgrafen zu Salm die Messlatte sehr hoch. "Früh übt sich, wer eine Herrschaft zu verwalten hat!" – ELISABETH SCHLÄWE bringt das elterliche Credo, unter dem die Kindheits- und Jugendjahre Josephs zu Salm-Reifferscheidt-Dyck bis zu seiner Großjährigkeitserklärung 1793 durch Kaiser Franz II. standen, auf den Punkt. In ihrem Beitrag zur Kindheit gewährt sie auf der Grundlage bisher unbekannter Korrespondenzen Josephs aus frühesten Tagen, darunter unter anderem die akribisch genauen Rechnungsaufstellungen über die Verwendung seines "Taschengeldes", wertvolle Einblicke in seine Erziehung und Ausbildung. Diese fand ihren Höhepunkt in der Kavalierstour, die SCHLÄWE anhand eines eigenen Artikels in den Blick nimmt. Briefe aus Brüssel und Paris an seine daheim auf Schloss Dyck weilende Mutter dienen der Autorin nicht allein zur Rekonstruktion der jugendlichen Reiseimpressionen und der durch den Hofmeister vermittelten Lehrinhalte, sondern auch als eindrucksvoller Beleg für ein bereits in jungen Jahren hochentwickeltes philologisches Talent.

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Paris war neben der kaiserlichen Residenz- und Universitätsstadt Wien das Hauptziel der Kavalierstour. Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck hielt sich gemeinsam mit Hofmeister Abbé Jacob und seinem jüngeren Bruder Franz von September 1787 bis unmittelbar vor Ausbruch der Revolution im Juli 1789 dort auf. BERND KLESMANN geht in seinem Beitrag nicht nur den dort besichtigten Orten und dem in der französischen Metropole absolvierten Lehrkanon nach. Ferner gelingt es ihm, Josephs für einen Heranwachsenden äußerst scharfsinnige und feinfühlige Wahrnehmung des politischen Geschehens im Vorfeld des Bastillesturms nachzuzeichnen – er wohnte unter anderem einigen Diskussionen der Generalständeversammlung bei. Von seiner tiefen Prägung durch aufgeklärtes Gedankengut ist sicherlich auch deshalb auszugehen. Diese frühen Erfahrungen mögen zu einer gewissen Distanz zur zeitgenössischen Kirchenorganisation beigetragen haben, die KLESMANN mit Blick auf Salm-Dycks Religiosität feststellen kann. Zur Formung des jungen Adligen im Sinne der Lehren der katholischen Kirche trug ganz wesentlich auch die mütterliche Obhut bei. ELISABETH SCHLÄWE betrachtet die Person der Augusta Maria Gräfin von Truchsess Zeil-Wurzach. Die durch den frühen Tod ihres Mannes bedingte Vormundschaftsregierung schlug sich eindeutig auch auf die Vorbereitung Josephs auf seine späteren Aufgaben als Landesherr nieder.

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Über sein gesamtes Leben hinweg gab es wohl keinen bedeutsameren und prägenderen Ort als Schloss Dyck, seit Generationen Stammsitz und Hauptresidenz derer zu Salm-Reifferscheidt-Dyck. MARTIN WOLTHAUS führt durch die Entstehungs-, Nutzungs- und Architekturgeschichte der imposanten Schlossanlage, die sich wie ein in sich autarker Mikrokosmos präsentiert. Besonderes Augenmerk gewährt er der dortigen Ahnengalerie, die als Kernstück adliger Memorialkultur nach den revolutionären Umbrüchen zunächst keine Fortführung mehr erfuhr. Erst im hohen Alter ließ sich Fürst Joseph 1854 schließlich doch selbst für die Ahnengalerie seines Hauses in der Uniform eines preußischen Landwehrobristen porträtieren. Einen gewissen Bruch mit alten Traditionen kann auch MONIKA GUSSONE feststellen, und zwar bezüglich des Umgangs Josephs zu Salm-Reifferscheidt-Dyck mit den sakralen Monumenten seiner Vorfahren, unter ihnen das Sankt-Nikolaus-Kloster als Grablege der Dynastie, die nahe Schloss Dyck gelegene Sankt-Michaels-Kapelle sowie die "Sieben Fußfälle". Diese Befunde fügen sich in den breiteren Rahmen einer äußerst quellengesättigten Nachzeichnung der hergebrachten Praktiken der Familie rund um Taufe und Hochzeit, welche GUSSONE in zwei weiteren Beiträgen leistet.

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Der Einmarsch der französischen Revolutionstruppen im Oktober 1794, mit dem die zwei Jahrzehnte währende französische Zeit des Rheinlandes ihren Anfang nahm, stellte Altgraf Joseph vor eine gewaltige Herausforderung. Sollte er wie so viele seiner Standesgenossen emigrieren und die Französische Revolution von außerhalb bekämpfen? Oder war es ratsamer, auf den angestammten Familiengütern zu verbleiben, sich mit den neuen Herren so gut als möglich zu arrangieren und den "Sturm abzuwettern"? Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck wählte letztere Option und empfing die französischen Generäle Bernadotte, Kléber und Lefebvre in aller Freundlichkeit auf Schloss Dyck. Warum er diese Entscheidung traf, und vor allem wie er die mit der Entfeudalisierung einhergehenden Verluste an Besitz und den Wegfall all seiner Herrschaftsrechte kompensierte, untersucht MARTIN BRAUN.

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Auch der Citoyen Salm zeigte sich dabei zunächst verunsichert und suchte nach Rat und Hilfe innerhalb seines weitgespannten Gesellschaftsnetzwerks. Letztlich waren es seine 'guten Beziehungen' zum bayerischen Staatsmann Johann Heinrich von Schenk wie auch zum französischen Außenminister Talleyrand, die ein lukratives Entschädigungsgeschäft entscheidend beförderten. Der Besitzerhalt wesentlicher Teile seiner Güter glückte mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Salm-Dyck verblieb somit in der Position eines der höchstbesteuerten Einwohner des Roer-Departments. Er war vom Landesherrn zum Großgrundbesitzer geworden. FLORIAN SCHÖNFUSS analysiert Handeln und Wirken Josephs zu Salm-Reifferscheidt-Dyck in eben dieser Position bis in die preußische Zeit hinein, wobei ihm insbesondere die im Dycker Archiv erhalten gebliebenen Pachtverträge und Rechnungsbücher als Quellen dienen. Ein enges, patrimoniales Verhältnis zu den Pächtern seines Landbesitzes, weitenteils identisch mit dem ehemaligen Untertanenverband der Dycker Herrschaft, tritt hier als wichtiges Kennzeichen ebenso hervor wie die Dominanz einer von Rentmeistern gehandhabten Zeitpachtwirtschaft, die dem späteren Fürsten Muße für andere Aktivitäten ließ.

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Ähnliches stellt SCHÖNFUSS auch mit Blick auf den seit Generationen in Familienbesitz befindlichen, jedoch auch von Joseph keineswegs in Eigenregie geführten Roisdorfer Mineralbrunnen fest. Offenbar fehlte ihm die Bereitschaft, selbst als risikobereiter Investor und "Unternehmer" aufzutreten. Risikobereitschaft, vor allem jedoch großes Engagement zeigte Salm-Dyck demgegenüber innerhalb der zahlreichen napoleonischen Verwaltungsämter, in die er teils automatisch als Höchstbesteuerter und Großgrundbesitzer, teils aufgrund von Talent, Verdienst und Treue gelangte. Dieser Befund zieht sich im Grunde durch alle Bereiche, von der Kantonalspräsidentschaft, mithilfe derer er, wie THEA FIEGENBAUM darlegt, wichtige erste Erfahrungen mit dem napoleonischen System der Notabelnherrschaft sammeln konnte, bis hin zu seiner Tätigkeit als Maire von Bedburdyck und Hemmerden in der Spätphase des Kaiserreichs. FLORIAN SCHÖNFUSS streicht diesbezüglich insbesondere Salm-Dycks Anknüpfen an die alten Traditionen und Strukturen seiner lokalen Landesherrschaft sowie die Möglichkeiten, die der Posten eines Maire als Knotenpunkt unterschiedlicher Patronagenetzwerke bot, heraus. Seine (Ehren-)Ämter als Hauptmann der Wolfsjagd und Kanzler der vierten Kohorte der Ehrenlegion auf Schloss Brühl lassen sich nicht nur als klares Loyalitätsbekenntnis zum Regime Napoleons auffassen, sie ließen sich, wie MARTIN BRAUN herausarbeiten konnte, auch ganz hervorragend mit persönlichen Interessengebieten verknüpfen.

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Seine Leidenschaft für die Jagd konnte Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck so etwa innerhalb der napoleonischen Louveterie ausleben und sich zugleich vorteilhaft in der Öffentlichkeit darstellen. Als traditionelles Aktions- und Repräsentationsfeld des Adels blieb die Jagd für ihn allerdings noch bis weit in die preußische Zeit hinein von tragender Bedeutung. Die Jagdgesellschaften auf Schloss Dyck, dies kann MARTIN BRAUN aufzeigen, bildeten stets günstige Anlässe zur Pflege seines Gesellschaftsnetzwerks, das Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck mit Virtuosität bediente.

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Gerade in napoleonischer Zeit war ihm die Freimaurerei hierzu ein genauso probates Mittel wie zur Festigung seines gesellschaftlich-politischen Einflusses. Denn unter Napoleon war sie fest in den Staatsapparat integriert worden, so weiß MARTIN BRAUN zu ergänzen. Die Freimaurerei stellte freilich zugleich eine zentrale Plattform der personellen Netzwerke Salm-Dycks im Bereich der Wissenschaften dar. Als Botaniker gelangte er durch verschiedenste Entdeckungen und Pionierleistungen, die RITA HOMBACH genauer erörtert und kontextualisiert, zu Weltruhm. Bis heute wohl eindrücklichstes Zeugnis seines unermüdlichen Sammelns und Kultivierens ist der Landschaftspark bei Schloss Dyck, den Salm-Dyck in seinem in mehrere Sprachen übersetzten Werk Hortus Dyckensis akribisch beschrieb. Daneben bildeten die Gewächshäuser und Orangerien seiner umfangreichen Pflanzensammlungen einen zentralen Ort seiner Forschertätigkeit. Sukkulenten und Kakteen standen im Fokus seines Interesses.

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Die Basis für ein derart erfolgreiches Agieren als Naturforscher bildeten wiederum weitgespannte Korrespondenznetzwerke, die ihn rasch über neueste Forschungserkenntnisse informierten und nicht zuletzt einen beständigen Zustrom an Untersuchungsobjekten in Form von Pflanzen und Samen, und natürlich auch einschlägiger Literatur sicherstellten. Letztere versammelte er auf Schloss Dyck in einer ihresgleichen suchenden botanischen Bibliothek, über deren Zusammenstellung und Nutzungsgeschichte HANS-WERNER LANGBRANDTNER Auskunft erteilt. Die wichtigste Drehscheibe dieser Beziehungen war das postrevolutionäre Paris. Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck profitierte nicht nur bezüglich seines wissenschaftlichen Engagements, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht und mit Blick auf seine literarischen Interessen enorm vom Pariser Salon seiner (zweiten) Ehefrau Constance de Salm (geborene de Théis), die er im Jahre 1800 nach der Scheidung von seiner ersten Gattin Maria Theresia von Hatzfeld geheiratet hatte. Josephs erste Ehe litt insbesondere unter den Kriegs- und Revolutionswirren, einhergehend mit der Flucht Maria Theresias. Er scheute nicht davor zurück, das neue Personenstands- und Scheidungsrecht, das die Französische Revolution hervorgebracht hatte, zur Stiftung seiner zweiten, glücklich und sehr harmonisch verlaufenden Ehe mit Constance zu nutzen. GUDRUN GERSMANN zeigt nicht allein, mit welch bekannten und wirkmächtigen Künstlern und Intellektuellen Joseph und Constance regelmäßigen Umgang pflegten, sondern verweist darüber hinaus auch auf die von aufgeklärt-liberalen Ideen charakterisierten zeitgenössischen Diskurse und Debatten, an denen das Paar rege partizipierte – vom Ringen um Pressefreiheit über die Frauenemanzipation bis zur Verfassungsfrage.

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Paris blieb für Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck über sein gesamtes Leben hinweg eine wichtige Anlaufstelle, ein Knotenpunkt verschiedenster Netzwerke und Austauschbeziehungen und ein bedeutungsschwerer Erfahrungsraum. Dies wird nicht allein anhand des Itinerars des viel und weit Reisenden deutlich, um das sich STEFAN BRENK verdient gemacht hat. Die französische Metropole war die Macht- und Schaltzentrale des napoleonischen Empire. In dessen 'cursus honorum' erlangte er im Jahre 1809 mit der Aufnahme in die Noblesse d'Empire im Range eines Comte höchste Würden. Seit 1804 war er als Deputierter des Roer-Departements bereits Teil der in der Hauptstadt versammelten Gesetzgebenden Körperschaft. Die allerwenigsten seiner rheinischen Standesgenossen brachten es unter Napoleon zu einer derart elaborierten Stellung, dies zeigt ein entsprechender Vergleich, den FLORIAN SCHÖNFUSS anstellt. Edmund von Loë, französischer Senator, Staatsrat sowie ebenfalls Großgrundbesitzer und Comte d'Empire, ist vielleicht der Einzige, der in dieser Hinsicht an Salm-Dyck heranreicht. Von langfristig vermutlich sogar noch größerer Bedeutung als die eigentliche Aufnahme in Napoleons neu geschaffenen Verdienstadel erscheint nach den intensiven Studien von MARA KEFERSTEIN die Einrichtung eines Familienmajorats. Diese erbrechtliche Reprivilegierung, die im Übrigen in völligem Widerspruch zum Code Civil stand, erleichterte die Wahrung von Besitz und politischem Einfluss mit Blick auf künftige Generationen und führt vor Augen, dass Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck auch zu diesem Zeitpunkt durchaus dynastisch dachte.

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Der erneute Herrschaftswechsel infolge der Befreiungskriege, der endgültige Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft, der Erwerb der nördlichen Rheinlande durch Preußen stellten Verhandlungsgeschick und Anpassungsfähigkeit Josephs zu Salm-Reifferscheidt-Dyck erneut auf eine große Probe. Angesichts der zunächst ungewissen und aufgrund umherziehender Banden und marodierender Soldaten unsicheren Situation 1814/15 gehörte die Wiederrichtung der unter den Franzosen verbotenen Schützenbruderschaft im Dycker Land mit zu seinen ersten Reaktionen auf den erneuten Umbruch. Dass das Protektorat über die Schützen im weiteren Verlauf vor allem der Repräsentation des eigenen Herrschaftsanspruchs auf lokaler Ebene und der Intensivierung bestehender Abhängigkeits- und Patronagebeziehungen zur umliegenden Landbevölkerung bzw. dem ehemaligen Untertanenverband diente, kann FLORIAN SCHÖNFUSS darlegen. Demgegenüber ist sein Dienst als Major der Landwehr einerseits als Loyalitätsausweis gegenüber Preußen und als Schutz vor möglichen Anfeindungen als "Franzosenfreund" zu betrachten sowie andererseits als weiterer Transmissionsriemen persönlicher Kontakte in die Regierungskreise des Hohenzollernstaats. Dass Salm-Dycks eigener Adjutant, Leutnant Althoff, trotz entsprechender Vorwarnungen aus dem Offizierskorps, seine Stieftochter Minette am 14. Juni 1820 bei einem Besuch auf Schloss Dyck erschoss, stürzte ihn und seine Frau Constance, wie FLORENCE DE PEYRONNET-DRYDEN in ihrem Beitrag ausführt, in tiefste Trauer.

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Constance de Salm und Joseph Salm-Reifferscheidt-Dyck führten über Jahrzehnte eine harmonische und produktive Ehe. HANNAH SCHNEIDER betont in ihrem Beitrag mit Recht auch die Unterstützung beim Schreiben und Publizieren, die beide sich wechselseitig zuteilwerden ließen – seien es nun die botanischen Studien Josephs oder aber das literarische Œuvre Constances. Deren Tod 1845 in Paris erschütterte nicht nur ihren Gatten zutiefst, der ihrem Begräbnis auf dem Friedhof Père-Lachaise nicht beiwohnen konnte, sondern hinterließ, wie EVA KNELS eindrücklich vor allem anhand der einschlägigen Korrespondenzen ihres Enkels Felix de Francq zu schildern vermag, auch tiefe Spuren in der französischen Intellektuellenszene, die ihr am Grabe die letzte Ehre erwies.

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Unter dem Preußenadler kämpfte Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck vehement für die Wiederherstellung seiner herrschaftlichen Stellung und Privilegien. Trotz im Reichsdeputationshauptschluss erfolgter Entschädigung sah er sich als Mediatisierter und beanspruchte daher innerhalb des neupreußischen Staatsverbandes die Stellung eines Standesherrn. Sie sollte ihm verwehrt bleiben, doch verlieh ihm Friedrich Wilhelm III. bereits 1816, also noch lange vor der Reprivilegierung der 'rheinischen Autonomen', "aus Gnade" einen preußischen Fürstentitel. Ganz entscheidend waren auch in dieser Beziehung seine Kontakte zum Königshaus, insbesondere zum Kronprinzen Wilhelm. Sie trugen in der Aufnahme Fürst Josephs in den Ersten Stand des rheinischen Provinziallandtags, der eigentlich den Standesherren vorbehalten war, weitere Früchte. Sein dortiges reges Engagement war indes keineswegs von vorbehaltloser Anpassung an die politische Linie des Königs gekennzeichnet. Vielmehr vertrat Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck mit seinem Eintreten für das 'Rheinische Recht', für Pressefreiheit, Judenemanzipation und die Gewährung einer gesamtpreußischen Verfassung durchaus liberale Vorstellungen. Dies unterschied ihn von seinen regionalen Standesgenossen, die auf dem Provinziallandtag eine überaus konservative Standespolitik betrieben. HANS-WERNER LANGBRANDTNER leuchtet diesen breiten Themenkomplex um das Reprivilegierungsstreben und politische Handeln Salm-Dycks unter preußischer Herrschaft in insgesamt fünf Artikeln auch auf der Grundlage der Überlieferungen des Archivs des rheinischen Provinziallandtags aus.

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Der Vergleich mit dem fast altersgleichen Fürst Klemens Wenzel von Metternich, den BERND KLESMANN in generationengeschichtlicher Perspektive zieht, führt abschließend noch einmal die völlig unterschiedlichen Reaktionsstrategien zweier in vielerlei Hinsicht ganz ähnlich geprägter rheinischer Grafensöhne gegenüber dem epochemachenden Phänomen der Französischen Revolution vor Augen: auf der einen Seite der erzkonservative Staatenlenker und unerschütterliche Verteidiger des monarchischen Prinzips Klemens Wenzel von Metternich, auf der anderen der kooperations- und kompromissbereite, von aufgeklärtem Gedankengut und liberalen Ideen erfüllte, sein Leben in den Dienst der Wissenschaft stellende Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck.

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Kompromissbereitschaft, Verhandlungsgeschick, kommunikatives Talent, enorme Schaffenskraft, 'Networking', und zwar ein solches, das sich im Gegensatz zu vielen seiner Standesgenossen nicht allein auf den Adel beschränkte, Risikobereitschaft, Intuition und ganz sicher auch die Fähigkeit, sich den wechselnden Landesherren stets als wertvoller Partner und Mittler zu präsentieren – dies sind sicher nur die hervorstechendsten 'Erfolgsmerkmale', die Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck weniger ein beständiges 'Obenbleiben' als vielmehr ein wiederholtes 'Emporsteigen' ermöglichten. Das Erstaunlichste ist dabei vielleicht, dass er dabei nie seine aristokratische Selbstsicht, bei aller aufgeklärt-liberalen Agitation nie seinen Herrschaftsanspruch, bei allem Umgang mit 'Bürgerlichen', vom weltberühmten Intellektuellen bis zum ärmsten Pachtbauern, nie seinen Habitus als Adliger, nie seine Noblesse ablegte. Offenbar gelang es ihm, diese Selbsterfahrungs-, Repräsentations- und Gestaltungsbedürfnisse in anderen, weniger umkämpften und doch deutlich 'sichtbaren' Arenen zu befriedigen. Als janusköpfiges Paradoxon erscheint er dabei lediglich, wenn man ihn losgelöst von den Zeitumständen und allzu 'monolithisch' auf einzelne Handlungsräume reduziert betrachtet. Dem wirkt der multiperspektivische Ansatz entgegen.

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Die Netzbiographie blendet in ihrem derzeitigen Stadium eine Vielzahl dieser Handlungsräume mitsamt den uns über sie Aufschluss gewährenden Überlieferungssträngen ineinander und lässt sie dadurch weit schärfer und konturenreicher erscheinen, als dies in einer monographisch angelegten Biographie je möglich gewesen wäre. Doch erheben diese Bilder keinesfalls den Anspruch, ihrem Betrachter bereits in letztgültiger Klarheit zu begegnen. Vielmehr verstehen sich etliche von ihnen – ganz bewusst – als 'Momentaufnahmen', die sich im Lichte fortschreitender Forschungen und neuer Quellenfunde noch verändern mögen. Ein Stück weit getrübt wird das Gesamtgemälde freilich noch von einer ganzen Reihe von Desideraten, von 'Arenen' im Leben Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dycks, die noch kaum vermessen sind. Sein Wirken als Agrarpionier, seine Einstellungen gegenüber der Adelserneurungsbewegung, seine Rezeption der französischen Julirevolution, seine europaweiten Bank- und Finanzgeschäfte sind dafür nur einige, recht willkürlich gewählte Beispiele. Ihrer weiteren Ausleuchtung will die Netzbiographie eine geeignete, das heißt vor allem eine ganz unterschiedliche 'Sehepunkte' vereinende Plattform bieten. Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck war bereits zu Lebzeiten für etliche Zeitgenossen das 'Maß der Dinge'. Als solches bleibt er nicht nur innerhalb der Netzbiographie überaus lebendig!

Empfohlene Zitierweise
Martin Otto Braun, Florian Schönfuß, Perspektivische Bestandsaufnahme der Befunde, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/netzbiographie/ausblick/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 19.01.2017