Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck

Postrevolutionäre Netzwerke

Gudrun Gersmann

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Constance de Salm, die zweite Ehefrau Josephs zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, war eine leidenschaftliche Netzwerkerin und Briefschreiberin. In den späten 1790er Jahren hatte sie in der französischen Kapitale einen Salon, oder "Cercle", gegründet, der über Jahrzehnte hinweg Treffpunkt der intellektuellen Elite bleiben sollte. Bei den Treffen des Freundeskreises wurden neben aktuellen literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen immer wieder auch politische Entwicklungen diskutiert und kommentiert. [1]

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Aus den sogenannten Salon-Alben, prächtigen Gästebüchern, in denen sich unter anderen Alexandre Dumas, Lord Byron oder Alexander von Humboldt mit Versen, Zeichnungen und Widmungen verewigten, geht hervor, welche prominenten Besucher zweimal pro Woche in Constances Wohnung in die Rue du Bac zu kommen pflegten. Die Schriftstellerin selbst hat, wenn man den zeitgenössischen Zeugnissen Glauben schenken darf, diese Alben bei vielen Gelegenheiten voller Stolz öffentlich präsentiert. [2]

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Die Eheschließung mit Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck im Jahre 1803 brachte für den Cercle allerdings eine gravierende Zäsur mit sich. [3] Da das junge Ehepaar ab diesem Zeitpunkt nur noch die Wintermonate in der französischen Hauptstadt verbrachte, die Sommermonate hingegen zumeist auf den Schlössern Dyck oder Alfter, konnte der bis dahin regelmäßige Rhythmus der Zusammenkünfte nicht mehr eingehalten werden. Wollten sie den Kontakt zu ihrer Gastgeberin, der "Muse der Vernunft", nicht verlieren, mussten Constances Gesprächspartner bis zum Ende der 1830er Jahre, als Joseph und Constance ihren Wohnsitz wieder nach Paris bzw. Nizza verlagerten, in der Sommerpause zur Feder greifen. [4] Während der langen Monate, die das Paar jedes Jahr auf Schloss Dyck verbrachte, hielt die zu ihrer Zeit außerordentlich populäre Schriftstellerin den Kontakt zu ihrem Pariser Freundeskreis über eine ausgedehnte Korrespondenz aufrecht. Aus Constances Nachlass sind circa 8.000 Briefe erhalten geblieben, die ihre französischen Nachfahren lange nach ihrem Tode, nämlich erst im Jahre 1960, zunächst als Depositum an die Société des Amis du Vieux Toulon et de sa Région übergaben. Zwischen 2010 und 2013 hat das Deutsche Historische Institut in Paris diesen Bestand in Absprache mit der Société des Amis du Vieux Toulon digitalisieren und erschließen lassen. Die bisher kaum bekannten Briefe an und von Constance de Salm sind interessierten Forschern seit dem Sommer 2013 online zugänglich.

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Die Korrespondenz der Constance de Salm stellt eine einzigartige Fundgrube für die künftige Erforschung der Kultur-, Literatur-, Politik-, Medien-, Sozial- und Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts dar. Sie zeigt in mikroskopischer Schärfe, mit welch hoher Sensibilität und mit wie viel intellektuellem Scharfsinn eine dem Geist der Aufklärung verpflichtete, durch die Erfahrung der Französischen Revolution wie des napoleonischen Empire geprägte gesellschaftliche Elite auf die politischen, sozialen und kulturellen Umbrüche des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts reagierte.

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Noch zu Lebzeiten hat Constance de Salm über 3.700 Briefe für die geplante Veröffentlichung ihrer "Correspondance générale" sortieren und kopieren und 2.500 von ihnen in eine Tabelle aufnehmen lassen. Publiziert wurde die "Correspondance générale" allerdings nie, nur etwa 30 Briefe stehen in einer von Constance de Salm 1841 noch selbst herausgegebenen Auswahl gedruckt zur Verfügung. [5] Schon die erste Durchsicht der Korrespondenz lässt erkennen, dass Constance de Salm den Mittelpunkt eines liberalen, publizistisch wirkmächtigen, durch die Freimaurerei und gemeinsame politische Positionen zusammengehaltenen intellektuellen Pariser Netzwerks bildete. Mit besonderer Intensität reflektierte jener Zirkel den Übergang vom Kaiserreich zum Bourbonenkönigtum, avancierte zum Sammelbecken der politisch Unzufriedenen und vermochte sich später aufgrund seiner Beziehungen auch als kritische Gegenöffentlichkeit gerade gegenüber dem Restaurationsregime zu konstituieren.

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Von der Möglichkeit einer ins Schriftliche verlagerten Gesprächskultur [6] machten die habitués zwischen 1803 und circa 1837 reichlich Gebrauch. Das Autorenverzeichnis der aus der Not geborenen Korrespondenzen liest sich wie ein Vademekum der zeitgenössischen Kultur- und Wissenschaftswelt. Zu den umfangreichsten Schriftwechseln gehört jener zwischen Constance de Salm und dem Historiker Pierre Raboteau, dem Schriftsteller und Präfekten des Roer-Departements Charles François de Ladoucette sowie dem renommierten Geographen Edme Mentelle. Unter den treuesten Korrespondenten finden sich jedoch auch die Namen der Schriftstellerin und Constance-Freundin Sophie de Salis, der Prinzessin von Thurn und Taxis, Therese Mathilde zu Mecklenburg-Strelitz, sowie des Ökonomen Jean-Baptiste Say und des Publizisten Amaury Duval, der sich nicht zuletzt als Herausgeber der "Décade philosophique" und des "Mercure de France" einen Namen gemacht hatte. Erhalten geblieben sind – ersten Sondierungen zufolge – unter anderem 215 Briefe Raboteaus, 207 Briefe Ladoucettes, 188 Briefe des Napoleon-Bibliothekars Barbier, 145 Briefe des Dichters Pongerville, 120 Briefe Mentelles.

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In den vergangenen Jahren haben insbesondere die Arbeiten des französischen Historikers Antoine Lilti zu einer Revision unseres 'klassischen' Bildes vom französischen Salon im 18. Jahrhundert geführt. Anders als es die ältere Forschung darstelle, seien die Pariser Salons der Lumières keineswegs politische Kaderschmieden oder Orte der kontroversen Diskussion über das Zeitgeschehen, sondern eher eine Bühne geistreicher Konversation und relativ politikfremden Austauschs gewesen, so Liltis breit rezipierte These, die sich allerdings auf den Cercle nicht übertragen lässt. Weder war Constances Salon ein harmloser "Freundeskreis", noch wurden in der Korrespondenz lediglich geistreiche Artigkeiten ausgetauscht. Ganz im Gegenteil verweisen die Briefe an und von Constance de Salm auf die Existenz einer durchaus machtvollen "peer group", die sich ebenso mit aktuellen politischen Fragen auseinandersetzte, wie sie den Pariser Kulturbetrieb in ihrem Sinne zu beeinflussen suchte.

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Schon die ersten oberflächlichen Sondierungen belegen, dass der Cercle der Constance de Salm etwa drei unterschiedliche Generationen umfasste. Die ältesten Salonbesucher und Korrespondenten – wie Mentelle, Lalande, Lantier, Gudin, Martini oder Gohier – entstammten der in den 1730er und 1740er Jahren geborenen Altersgruppe des Vaters der Schriftstellerin. Bei der zweiten, zahlenmäßig größten Gruppe, zu der Ginguené, La Chabeaussière, Humboldt, Andrieux, Millin, Amaury Duval, Laya, Girodet, Lemontey, Clavier, Talma, Langlès und Raboteau gehörten, handelte es sich um diejenigen, die in den 1750er und 1760er Jahren das Licht der Welt erblickten. Eine dritte, jüngere Gruppe – darunter Thurot, Courier, Candolle und Guérin – repräsentierte schließlich die Generation der nach 1770 geborenen Intellektuellen und Künstler. Hatten alle gemeinsam eine starke Prägung durch die Ideen und Ideale der Aufklärung erfahren, so waren doch die Vertreter der zweiten und dritten Gruppe diejenigen, die als postrevolutionäre Elite im Kultur- und Literaturbetrieb des Kaiserreichs und der Restauration eine markante Rolle spielten und sich in einer Vielzahl von Schriften öffentlich als Kritiker der bourbonischen Politik zu Wort meldeten. Angemerkt sei in diesem Kontext, dass sich schon nach bisherigem Erschließungsstand unter den Briefpartnern über 20 Personen nachweisen lassen, die – wie der Ökonom Jean-Baptiste Say – der Décade philosophique und den Ideologues nahestanden.

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Constance de Salm selbst, die als Napoleon-Anhängerin zur Restauration stets kritische Distanz wahrte, hat im Jahr 1827 eine Épître sur l'esprit et l'aveuglement du siècle verfasst, die als einer ihrer besten Texte gilt und eine Art politisches Bekenntnis auch ihres Cercle enthält: Sie sei, schrieb sie 1842 im Rückblick, dazu durch die "grands bouleversements" bewegt worden "dont nous avions été témoins, pendant près de quarante ans." Das derzeitige, so rasant fortschreitende Europa, so ihr melancholisches Fazit, unterscheide sich von dem alten Europa, das man gemeinsam erlebt habe:

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"Les événements marchent si vite dans ce siècle, ils amènent des changements si extraordinaires, qu'un souvenir recouvrant sans cesse l'autre, il devient souvent difficile de retrouver en soi, les sentiments qui, quelques années auparavant, agitaient tous les esprits, et absorbaient toutes les pensées. Lorsque frappée du désordre, du vague, de l'espèce d'égarement, qui semblaient devenus l'esprit du siècle, j'établissais dans mon épître qu'un grand aveuglement planait sur toute l'Europe […]." [7]

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Von der ostentativ zur Schau getragenen Melancholie der Épître sollte sich der Leser allerdings nicht täuschen lassen. Constance de Salm und ihr Kreis verbrachten ihre Zeit keineswegs damit, über die Blindheit des gegenwärtigen Zeitalters und das Glück der vergangenen Jahre zu seufzen. Stattdessen versuchten sie auf ihre Weise, dem entgegenzuwirken, was sie unter den zurückgekehrten Bourbonen als intellektuellen Niedergang Frankreichs und Lähmung des Geistes empfanden. Ein Leitmotiv der Korrespondenz aus der Restaurationszeit war denn auch die Stigmatisierung des neuen politischen "Intrigantentums", der sich die Gruppe offenbar mit Eifer verschrieben hatte. Im Vorfeld der Veröffentlichung einer Épître à un honnête homme qui veut devenir intrigant erwies sich Constance de Salm im Winter 1819/20 beispielsweise in ihren Briefen an ihren alten Freund, den Historiker Pierre Raboteau, als scharfe Kritikerin des in Frankreich wieder omnipräsenten Typus des "unzuverlässigen Heuchlers", der zunichtemache, was in den Jahrzehnten seit der Französischen Revolution entstanden sei.

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Ob Kritik an der Zensur, litaneihaft wiederholte Forderungen nach Einführung der Pressefreiheit oder Kampf gegen die politisch motivierten Amtsentlassungen im Kultur- und Wissenschaftsbereich – nie hielt sich der Cercle zurück, wenn es darum ging, eine als reaktionär und kurzsichtig empfundene bourbonische Kunst- und Literaturpolitik an den Pranger zu stellen, die in der Korrespondenz der Constance de Salm ausführlich beschrieben und kommentiert wird. Der Briefverkehr der Schriftstellerin mit dem Zeichner und Publizisten Nicolas Ponce etwa liest sich wie eine genaue Chronik der bourbonischen Maßnahmen, die die literarische Welt in Aufruhr versetzten. Am 31. Juli 1814 berichtete Ponce der leidenschaftlich für die Rechte der Autorinnen kämpfenden "Muse de la Raison" beispielsweise von einem herben Rückschlag in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter. Denn wenn König Ludwig XVIII. auch eine Delegation des Athénée des Arts in den Tuilerien empfangen und diese seines Wohlwollens versichert hatte, so hatte er doch zugleich den in das Athénée aufgenommenen Frauen – darunter Constance selbst – verboten, sich mit den bourbonischen Lilien zu schmücken. Immer wieder wurden in den Briefen auch die Beschneidungen der Pressefreiheit thematisiert, gegen die man sich wenden müsse.

 

Anmerkungen

[1] Robert Bied: Le rôle d'un salon littéraire au début du XIXe siècle: les amis de Constance de Salm, in: Revue de l'Institut Napoléon 133 (1977), 121-160. Vgl. auch Marc Fumaroli: La Conversation, in: Pierre Nora (Hg.): Les lieux de mémoire, Bd. 3: Les France, Teil 2: Traditions, Paris 1992, 678-743.

[2] August Pauls: Die Gräfin Rémusat als Aachener Kurgast, in: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 54 (1932), 142-160. Ein "Gästebuch", das möglicherweise Constance de Salm gehört haben könnte, befindet sich heute im Archiv des Rhein-Kreises Neuss in Zons. Zum prächtigen Pariser Salonalbum der Fürstin vgl. Philippe Jullian: 150 ans après la Princesse de Salm, in: Connaissance des arts 292 (Juni 1976), 84-89; und Heinke Wunderlich: Dycker Geschichten, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich 8 (1989), 156-171, hier: 167f.

[3] Ein Überblick und Kommentar zu den Schriften der Constance de Salm findet sich in: Martine Lauzon: Une moraliste féministe. Constance de Salm, Montréal 1997, online unter: http://digitool.library.mcgill.ca/R/?func=dbin-jump-full&object_id=27949 (28.05.2014).

[4] Zur Biographie Constances vgl. u.a. Elisabeth Colwill: Epistolary Passions. Friendship and the Literary Public of Constance de Salm, 39-68; und Christine Planté: Constance Pipelet. La Muse de la raison et les despotes du parnasse, in: Marie-France Brive (Hg.): Les Femmes et la Révolution française. Bd. 1, Toulouse 1989, 285-294; sowie Christiane Coester: Wanderin zwischen den Welten? Constance de Salm, Paris und das Rheinland, in: Gabriele Clemens / Malte König / Marco Meriggi (Hg.): Hochkultur als Herrschaftselement. Italienischer und deutscher Adel im langen 19. Jahrhundert, Berlin 2011, 263-280.

[5] Quelques lettres extraites de la correspondance générale de Mme la princesse Constance de Salm, de 1805 à 1810, Paris 1841.

[6] Rainer Baasner: Briefkultur im 19. Jahrhundert. Kommunikation, Konvention, Postpraxis, in: ders. (Hg.): Briefkultur im 19. Jahrhundert, Tübingen 1999, 1-36, hier: 14.

[7] Constance de Salm: Œuvres complètes, Paris 1842, vol. 2,119, 122, online unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k204684m (28.05.2014).

Empfohlene Zitierweise
Gudrun Gersmann, Postrevolutionäre Netzwerke, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/netzbiographie/franzoesische-zeit/netzwerke/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 24.01.2017