Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck

Die Pflanzensammlungen zu Dyck

Rita Hombach

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Das Sammeln exotischer Pflanzen, die winters in Orangerien, sommers in Ziergärten präsentiert wurden, war stets Teil der Adelskultur und wurde an vielen europäischen Herrensitzen praktiziert. Auch auf Schloss Dyck gab es Häuser für die Kultur von Zitrusbäumen und anderen fremdländischen Gewächsen (Abb. 1). [1] Die Kollektionen von Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck jedoch gehen in Umfang, Vollständigkeit und wissenschaftlicher Bedeutung weit darüber hinaus. Sein Beweggrund für das Sammeln von Pflanzen war das Interesse an der Botanik und seine Sammlungsstrategie gründete auf wissenschaftlichen Kriterien.

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Über die Ziele und Inhalte seiner Sammlung äußerte er sich 1834 im Vorwort des Hortus Dyckensis, in dem die im Schlosspark zu Dyck kultivierten Pflanzen – insgesamt mehrere tausend Spezies – einzeln aufgeführt sind: [2]

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"Ausser den Familien der Portulaceen, Crassuleen, Ficoideen, Cacteen, und der Geschlechter Aloë, Begonia, Euphorbia, Stapelia und mehrerer anderer, welche man gemeiniglich unter der Benennung von Fettpflanzen begreift, ist es noch meine Absicht, in meinen Gärten alle Arten, die zu den Familien der Aroideen, der Scitamineen, zu dem Geschlechte Dracaena, Yucca, Iris, Saxifraga, Paeonia, gehören, so wie alle unter freiem Himmel in hiesigem Klima ausdauernden Bäume und Sträucher, vollständig aufzunehmen, und daraus eben so viel lebende Monographien zu bilden. Auch liegt es ebenfalls in meinem Plane, von allen übrigen Geschlechtern wenigstens eine Art zu besitzen, um so viel als möglich ihre Reihenfolge in wissenschaftlicher Hinsicht nicht zu unterbrechen. Dies sind der Zweck und die Gränzen, welche ich mir vorgezeichnet habe; und ein Privatgarten, der unmöglich nach dem Plane jener unbeschränkten botanischen Institute, die zum öffentlichen Unterrichte bestimmt sind, angelegt werden kann; wird in der That nur dann Hoffnung haben, dem Fortschreiten der Wissenschaft förderlich zu seyn, wenn er nur einen Theil des unermesslichen Feldes umfasst, und sich auf einige besondere Kulturen beschränkt." [3]

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Diese Sukkulenten ("Fettpflanzen"), Gehölze und die Exemplare der ausgewählten Pflanzenfamilien hatte Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck im Handel erworben, auf Reisen und bei seinen regelmäßigen Aufenthalten in Paris beschafft aus Botanischen und privaten Gärten oder sogar unmittelbar von Forschungsreisenden erhalten. [4] So schenkte ihm etwa Prinz Maximilian von Neuwied eine Amaryllis (Abb. 2), die 1819 in Dyck erstmals in Europa zur Blüte gelangte, dazu viele weitere Raritäten. [5] Dabei profitierte er auch von den politischen Umständen im Zuge der französischen Besetzung der Rheinlande. Während bei seinen Standesgenossen Pflanzen requiriert wurden, die aus botanischen oder wirtschaftlichen Gründen von Interesse waren, [6] wurde seine Sammlung durch die Bestände aus den Orangerien der ehemaligen kurfürstlichen Gärten in Bonn und Brühl, die nicht mehr unterhalten werden konnten, wesentlich bereichert. Die darin enthaltenen Aloen und Kakteen waren nach seinen eigenen Aussagen ausschlaggebend für die spätere Wahl seines Hauptforschungsgebietes – der Sukkulenten (Abb. 3). [7]

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Zu Lebzeiten des Fürsten war die Sammlung seiner Sukkulenten in Größe und Bedeutung unerreicht. [8] Im Jahr 1834 umfasste sie insgesamt 1.500 Pflanzen. [9] Besonders hervorzuheben ist, dass sie viele 'Nomenklatorische Typen' enthielt – Pflanzen, die er selbst erstmals wissenschaftlich bestimmte, beschrieb und benannte. [10] Darüber hinaus hatte er aus den Händen seiner Forscherkollegen Abkömmlinge von deren Originalen erhalten, die den größten Teil seines Bestands ausmachten. [11] Abgesehen von ihrem Umfang und ihrer Vollständigkeit besaß die Kollektion somit einen besonderen Wert als 'Quellensammlung'.

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Die Sukkulenten waren auf der Garteninsel im Schlossweiher in Gewächshäusern untergebracht. Dort gab es mehrere Glashäuser mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen für die jeweiligen Nutzungsansprüche der exotischen Gewächse. [12] Außerdem befanden sich hier die Beete für ausgewählte Pflanzen, die Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck näher erforschen wollte, wie zum Beispiel die Pfingstrosen (Paeonia) (Abb. 4). Die Pflanzen in den "Botanischen Anlagen" im Park, vorwiegend Gehölze, waren nach dem 'Natürlichen System' nach Pflanzenfamilien geordnet. [13] Die anspruchsvolle Pflege der Pflanzensammlung leitete Gartendirektor Wilhelm Funke, der seinen Dienstherrn auch bei dessen wissenschaftlicher Tätigkeit kompetent unterstützte. [14]

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Nach dem Tod des Fürsten 1861 in Nizza reduzierte sich die Kollektion der Sukkulenten allmählich, da ihr Unterhalt sehr aufwändig war und seine Nachfolger nicht das notwendige botanische Interesse und Fachwissen besaßen. In Resten war sie noch 1914 vorhanden, konnte aber in den Kriegsjahren nicht mehr erhalten werden. [15] Von dem dendrologischen Teil der Sammlung im Park von Schloss Dyck sind noch heute Exemplare vorhanden. Mittels gezielter Nachpflanzungen soll die Gehölzsammlung des Fürsten Joseph in ihren Grundzügen auch für die Zukunft bewahrt werden (Abb. 5).

Anmerkungen

[1] Jakob Bremer: Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck der Grafen jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheidt, Grevenbroich 1959, 288. Der Bestand der Orangerie umfasste 1775 unter anderem Orangen-, Zitronen-, Granatapfel- und Lorbeerbäume, Zypressen, Myrten, Oleander, Pelargonien, Passionsblumen sowie bereits Aloe und Yucca, auf die Fürst Joseph später ein besonderes Augenmerk richtete.

[2] Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck: Hortus Dyckensis oder Verzeichnis der in dem botanischen Garten zu Dyck wachsenden Pflanzen, Düsseldorf 1834. 

[3] Salm-Reifferscheidt-Dyck: Hortus Dyckensis (wie Anm. 2), VI.

[4] Salm-Reifferscheidt-Dyck: Hortus Dyckensis (wie Anm. 2), IV-VI; Karl Koch: Fürst Joseph, Altgraf zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, in: Wochenschrift des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in den Königlich Preussischen Staaten für Gärtnerei und Pflanzenkunde 19 (1861), 145-148, hier: 147. Dem Zweck der Pflanzenbeschaffung diente unter anderem die umfangreiche botanische Korrespondenz von Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck. In: Archiv Schloss Dyck, Bestand Fürst Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, Korrespondenz mit Botanikern in Deutschland und Europa.

[5] Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck im auf den 22. Juli 1820 datierten Vorwort zu seiner Abhandlung über die Amaryllis. Angaben nach: Margit Sachse: Als in Dyck Kakteen blühten… Leben und Werk des Dycker Schlossherrn Joseph Altgraf und Fürst zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773–1861), Pulheim 2005. Außerdem stand Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck mit Alexander von Humboldt in Kontakt. Vgl. Briefe Alexander von Humboldts. In: Archiv Schloss Dyck, Bestand Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck – Kart. 5/77; sowie Blaue Bände – Band 515, 227-252.

[6] Beispielsweise wurden im Januar 1795 Pflanzen aus den Orangerien des Freiherrn von Geyr in Schloss Gracht bei Erftstadt-Liblar und in Köln beschlagnahmt. Pflanzenlisten, unterzeichnet von [André] Thouin, 6. Januar 1795. In: Archives Nationales, Paris: D § 3 59, Nr. 566. Herrn Dr. Hans-Werner Langbrandtner (LVR-Archiv- und Museumsamt) sei für den Hinweis auf diese Quelle gedankt. André Thouin war Vorsteher des Jardin des plantes in Paris und führte dort viele neue Pflanzenarten ein. Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck stand mit ihm im wissenschaftlichen Austausch. André Thouin an Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, Paris, 22. Oktober 1799. In: Archiv Schloss Dyck, Blaue Bände – Band Nr. 516, 637-639, 5; weitere Briefe, 1803–1824. In: Archiv Schloss Dyck, Bestand Fürst Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck – Kart. 13/165; sowie Blaue Bände – Band 516, 637-639.

[7] Salm-Reifferscheidt-Dyck: Hortus Dyckensis (wie Anm. 2), IIIf. 

[8] Frans-Antonic Stafleu / Richard S. Cowan: Taxonomic literature. A selective guide to botanical publications with dates, commentaries and types, Bd. 5, 2. Aufl., Utrecht 1985, 7.

[9] Nach eigenen Aussagen bestand sie 1809 "nur aus 335, gröstentheils unrichtig bestimmten Arten und Abarten", wuchs bis 1817 auf 550, bis 1822 auf über 900, bis 1829 auf 1.150 Arten und Varietäten an. 1834 umfasste sie nahezu 1.500 Sukkulenten, darunter auch noch nicht bestimmte Exemplare. Salm-Reifferscheidt-Dyck: Hortus Dyckensis (wie Anm. 2), IV-VI.

[10] Fritz Kümmel: Joseph Fürst zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773–1861) – der bedeutende Sammler und Systematiker sukkulenter Pflanzen im 19. Jahrhundert, in: Kakteen Sukkulenten 16 (1981), 22-30, hier: 29.

[11] Salm-Reifferscheidt-Dyck: Hortus Dyckensis (wie Anm. 2), V.

[12] Plan der Gartenanlagen von Schloss Dyck, lithographiert von T. Emmerich, 1834. In: Archiv Schloss Dyck, Karte 128. Demnach gab es eine Orangerie, ein "temperirtes Gewächshaus", ein großes sowie ein kleines Gewächshaus, außerdem Sommerkästen und Mistbeete.

[13] Plan der Gartenanlagen von Schloss Dyck, lithographiert von T. Emmerich, 1834. In: Archiv Schloss Dyck, Karte 128. Im Plan sind die Standorte der verschiedenen Pflanzenfamilien im Park angegeben.

[14] Rund 60 Briefe von Wilhelm Funke an Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck zum Stand der Arbeiten in Dyck, zum fachlichen Austausch, zur Pflanzensammlung, zu den Publikationen et cetera, ab 1816. In: Archiv Schloss Dyck, Bestand Fürst Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck – Kart. 3/62; sowie Blaue Bände – Band 517.

[15] Kümmel: Salm-Reifferscheidt-Dyck (wie Anm. 10), 28f.

Abb. 1: Schloss Dyck mit dem Barockgarten im Vordergrund. Gemälde: François Rousseau zugeschrieben, nach 1769.
Abb. 1: Schloss Dyck mit dem Barockgarten im Vordergrund. Gemälde: François Rousseau zugeschrieben, nach 1769.
Rechte: Familie von Wolff Metternich zur Gracht
Abb. 2: Amaryllis principis, kolorierter Kupferstich nach einer Zeichnung von Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, um 1819.
Abb. 2: Amaryllis principis, kolorierter Kupferstich nach einer Zeichnung von Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, um 1819.
Rechte: Familie von Wolff Metternich zur Gracht
Abb. 3: Aloe salmdyckiana, teilkolorierte Lithographie von Eskuchen.
Abb. 3: Aloe salmdyckiana, teilkolorierte Lithographie von Eskuchen.
Rechte: gemeinfrei
Abb. 4: Pflanzplan der Pfingstrosenbeete auf der Garteninsel, Zeichnung von Wilhelm Funke, 1834.
Abb. 4: Pflanzplan der Pfingstrosenbeete auf der Garteninsel, Zeichnung von Wilhelm Funke, 1834.
Rechte: Familie von Wolff Metternich zur Gracht
Abb. 5: Die Magnolienwiese in der Botanischen Anlage im Schlosspark zu Dyck, Foto: Jürgen Gregori.
Abb. 5: Die Magnolienwiese in der Botanischen Anlage im Schlosspark zu Dyck, Foto: Jürgen Gregori.
Rechte: Jürgen Gregori, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland

Empfohlene Zitierweise
Rita Hombach, Die Pflanzensammlungen zu Dyck, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/netzbiographie/franzoesische-zeit/pflanzensammlung/?L=1 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 24.01.2017