Praxis Online-Redaktion

Das Moving-Wall-Verfahren

<116>

Mit einer "sich bewegenden Wand" hat gleichnamiges Verfahren wenig zu tun. Was sich hier bewegt bzw. voranschreitet, ist eher eine Art Sperrfrist. Eine "Moving-Wall" wird in einem Zeitraum bemessen – fast immer beträgt dieser ein Jahr. Dies kann ein Jahr sein, über das die jeweilige Publikation lediglich im Print erhältlich bzw. käuflich zu erwerben ist, bevor sie schließlich nach Ablauf der Moving-Wall als Digitalisat auch online – sei es kostenfrei im Open-Access-Verfahren oder weiterhin entgeltpflichtig – zur Verfügung steht. In der Tat ist dies bisher der häufigste Anwendungsbereich des Moving-Wall-Verfahrens, das beispielsweise vom kostenpflichtigen online Archiv JSTOR, aber auch von wissenschaftlichen Open-Access-Formaten wie francia retro (www.perspectivia.net) mit großem Erfolg eingesetzt wird. Es vermittelt auf sehr eingängige Weise zwischen kommerziellem (Urheber, Verlag) und öffentlichem Interesse. Auf im Grunde sehr einfache und auch für den Rezipienten leicht nachvollziehbare Weise lassen sich durch ein Moving-Wall-Verfahren Kompromisse zwischen den, zumeist kommerziellen, Interessen des Rechteinhabers an einer bestimmten Publikation und seinem, wie vornehmlich dem Interesse der Öffentlichkeit an einer möglichst breitenwirksamen und barrierefreien Vermittlung der entsprechenden Inhalte aushandeln und festlegen.

<117>

Hinlänglich der Begrifflichkeit nicht unerheblich ist, dass das laufende Jahr nie mitgezählt wird. Bei einer einjährigen Moving-Wall wären im Jahre 2014 also alle bis einschließlich in 2012 publizierten Beiträge verfügbar. Natürlich kann gleichnamiges Fristsetzungsverfahren, nicht zuletzt aufgrund seiner zunehmenden Bekanntheit und Akzeptanz beim Rezipienten, auch in völlig anderen Bereichen des elektronischen Publizierens zum Einsatz kommen. Insbesondere mit Blick auf integrativ-dialogische bzw. kollektiv entstehende Webformate wie freie Online-Enzyklopädien (vgl. Abschnitt "Online-Lexika und Datenbanken") oder eine multiperspektivische "Netzbiographie" können über Moving-Walls Mindestbestandsfristen eines Artikels bis zu seiner frühestmöglichen Aktualisierung allgemeingültig und verständlich gesetzt werden. Gleiches gilt für den Transfer bestimmter Online-Beiträge auf andere, zumeist aggregierende Publikationsplattformen, die Implementierung von Quellendigitalisaten in Absprache mit Archiven und weiterem mehr. Das Potenzial des Moving-Wall-Verfahrens ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Empfohlene Zitierweise
Florian Schönfuß, Praxis Online-Redaktion: Das Moving-Wall-Verfahren, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/praxis-online-redaktion/autorenbetreuung/moving-wall/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 24.01.2017