Praxis Online-Redaktion

Der wissenschaftliche Redakteur: Dienstleister – Partner – Supervisor.

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Manuskripte von Wissenschaftlern zu redigieren und lektorieren – das heißt eben auch zu korrigieren und abzuändern –, ist in gleich mehrfacher Beziehung keine leichte Aufgabe. Jeder Eingriff geschieht zwar grundsätzlich mit der Intention, den Text zu verbessern. Doch ist das "Anstreichen" zugleich immer auch ein Hinweis auf ein vorliegendes oder wenigstens antizipiertes "Defizit", und sei es aus reiner Flüchtigkeit herrührend. Wenn Sie in den Text eines anderen eingreifen, dann helfen Sie ihm, das Endergebnis zu optimieren. Andererseits werten Sie immer auch ein Stück weit dessen Leistung. Und die wenigsten wissenschaftlichen Autoren lassen sich gern in ihre Texte "hineinreden", viele fühlen sich beim Hinweis auf einen sprachlich-orthographischen oder formellen Fehler, erst Recht aber auf fachliche Unstimmigkeiten regelrecht ertappt, manchmal gar kritisiert, in seltenen Fällen auch schon einmal persönlich angegriffen. Allzu leicht entsteht, auch bedingt durch die starke Hierarchisierung und Verschulung des akademischen Systems, beim Autor der Eindruck eines "Schüler-Lehrer-Verhältnisses", was insbesondere dann zum Problem werden kann, wenn zwischen dem Redakteur und dem Autor bezüglich des wissenschaftlichen Rangs bzw. akademischen Grads größere Abstände bestehen

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Es ist, wie weiter oben bereits skizziert, gerade in erwähnten Fällen jede Menge "Fingerspitzengefühl" seitens des Redakteurs gefragt. Entscheidend ist die Wahrung einer höflichen, präzisen, stets sachlichen und zuvorkommenden Kommunikation. Dass gewisse Eingriffe etwa allein den redaktionellen Richtlinien geschuldet sind, während es sich bei anderen lediglich um "Verbesserungsvorschläge", keineswegs jedoch um obligatorische Änderungsgebote handelt, sollte dem Autor im Zweifel immer mitgeteilt werden – auch wenn es erhöhten Arbeitsaufwand bedeuten mag. Dies beugt Missverständnissen und potenziellen "Konflikten" vor. Um diese gar nicht erst aufkommen zu lassen, sollte sich der Redakteur (wie freilich auch der Autor) zunächst über die ihm innerhalb des Publikationsprozesses zukommende Rolle, über seine Grenzen und Spielräume, seine Pflichten und Freiheiten vollends im Klaren sein. Oder anders ausgedrückt: Was darf er für sich reklamieren? Und was nicht?

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Selbstredend gibt es auf diese ganz zentrale Frage keine allgemein- oder letztgültige Antwort. Doch mögen gemäß getätigten Erfahrungen die folgenden Stichpunkte bei der Aufgabendefinition und Kompetenzenabgrenzung hilfreich sein. Der wissenschaftliche (Online-)Redakteur…

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1. … ist nicht der Schöpfer des Textes. Der Autor steht für den Inhalt letzten Endes gerade. Er erntet dafür Ruhm und Anerkennung – oder eben Kritik. Deshalb hat der Autor (gegebenenfalls auch der Herausgeber) in inhaltlichen Belangen im Zweifel immer das letzte Wort.

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2. … befördert, begleitet, vermittelt und schützt die wissenschaftliche Forschungsarbeit, an der er selbst jedoch nicht unmittelbar teilhat. Ähnlich den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Koordination und Kommunikation, IT und Datensicherheit, Verwaltung, Recht und Finanzen et cetera gehört er zu den unterstützenden Dienstleistern der Wissenschaft – ohne die sie freilich undenkbar wäre.

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3. … ist der "Anwalt des Lesers" und muss diese Funktion dem Autor gegenüber stets wahren, nötigenfalls auch durchsetzen.

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4. … sollte jeden Text pfleglich wie seinen eigenen behandeln und doch mit Blick auf alle anderen Beteiligten bearbeiten. Er muss sich dieses Spannungsverhältnisses stets bewusst sein. Denn er hat darüber hinaus die Pflicht, den Autor notfalls möglichst "vor sich selbst zu schützen", das heißt Inhalte und Ausdrucksformen, die der Reputation des Autors schaden könnten, nicht zur Veröffentlichung gelangen zu lassen.

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5. … arbeitet unter beständigem Zeitdruck. Einreichungsdeadlines, feste Launch- und Präsentationstermine, Fristen zur Erteilung des Imprimaturs usw. sind notwendig, um den Publikationsprozess am Laufen zu halten und den Publikationstermin einhalten zu können. Die Veröffentlichung eines Manuskripts sollte – und dies gilt besonders für Online-Beiträge – so zeitnah wie möglich erfolgen. Hierin liegt eine wesentliche Stärke des Publikationsmediums Internet. Der Redakteur darf und muss entsprechend mahnen und disziplinieren.

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6. … hat darüber hinaus zumeist weitreichende Koordinationsaufgaben (technische Umsetzung, Rechtliches, Layout, Digitalisierung, Archivierung, Pressearbeit, Autorenvernetzung uvm.).

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7. … trägt hohe Verantwortung und übt notwendigerweise gewisse Kontrollfunktionen aus.

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8. … ist nach außen hin zu unbedingter Verschwiegenheit verpflichtet und muss die unpublizierten (Forschungs-)Manuskripte hüten wie ein Bankgeheimnis.

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9. … ist ein spezialisierter "Kommunikator" und sollte als solcher für den Autor und alle am Publikationsprozess Beteiligten immer erreichbar und ansprechbar sein.

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Anhand dieser Auflistung wird rasch deutlich, dass bei aller Abhängigkeit voneinander erfahrungsgemäß leider doch breiter Raum für Fehleinschätzungen und Missverständnisse zwischen Autor und wissenschaftlichem Redakteur besteht. Die meisten wissenschaftlichen Redakteure sind oder waren selbst auch als Autoren tätig, doch nur die allerwenigsten Autoren haben ihrerseits Erfahrung in redaktioneller Arbeit, noch weniger von ihnen im Bereich des elektronischen Publizierens. Den Verantwortungsbereich des Redakteurs zu kennen, seine "Sorgen und Nöte" nachvollziehen zu können, zu verstehen, warum er in manchem Punkte so "kleinlich", "drängend" und "intolerant" – wie es auf den ersten Anschein hin anmuten mag – auftritt, erleichtert die Zusammenarbeit jedoch auch für den Autor ganz erheblich. Will er mit einer hochwertigen (Online-)Publikation aufwarten, muss er mit der Arbeitswelt seines dabei wichtigsten Dienstleisters und Partners zumindest einigermaßen vertraut sein.

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Umgekehrt ist auch der Redakteur beständig dazu angehalten, dem Autor präzise zu vermitteln, welche Informationen und Materialien er von ihm benötigt, was mit seinem wertvollen Manuskript wann geschieht, warum bestimmte Richtlinien – etwa die Änderungsmarkierung, Versionenauszeichnung oder bestimmte Dateiformate – strengstens eingehalten werden müssen usw. Erfahrungsgemäß denken, planen und kommunizieren Autor und Redakteur noch viel zu häufig aneinander vorbei.

Empfohlene Zitierweise
Florian Schönfuß, Praxis Online-Redaktion: Der wissenschaftliche Redakteur – Dienstleister – Partner – Supervisor., in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/praxis-online-redaktion/autorenbetreuung/rolle-redakteur/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 24.01.2017