Pariser Scholaren um 1200 als gewaltsame Akteure. Überlegungen zur Entstehung der Universität aus konfliktsoziologischer Perspektive

Konfliktsoziologische Betrachtung

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Die Annahme, dass die konkreten Verhältnisse der städtischen Lebenswelt eine entscheidende Rolle für den Entschluss zur genossenschaftlichen Einung gespielten hätten, ist bereits von Otto Gerhard Oexle formuliert worden. Oexle geht davon aus, dass die allgemeine Desorganisation der Schulen und die damit verbundenen Probleme den Zusammenschluss motiviert haben. Neben den chaotischen Verhältnissen, die sich aus der Konkurrenz der einzelnen Schulen ergaben, kommt dabei für Oexle auch den gewaltsamen Konflikten mit Stadtbewohnern eine gewichtige Bedeutung zu. Diesen hätten zur Notlage der Schulangehörigen wesentlich beigetragen und dadurch die Vereinigung nahegelegt. [1] Von dieser ganz allgemeinen Feststellung ausgehend, möchte ich nun im Folgenden versuchen, die Implikationen dieser Konflikte für die Konstituierung einer sozialen Identität der Magister und Scholaren genauer zu definieren.

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Wenn man diese Frage stellt, so wird allerdings deutlich, dass allein die Richtung der Fragestellung bereits einen bestimmten Konflikt-Begriff suggeriert. Dass Konflikte kulturell produktive Wirkungen haben können, indem sie die Disposition kultureller Semantiken konstruktiv verändern, ist keinesfalls eine gänzlich selbstverständliche Annahme. Wenngleich der Konflikt bzw. der ‚Kampf‘ in marxistischer Tradition grundsätzlich eine progressive Konnotation erhielt, ja als geradezu notwendig für historischen Fortschritt angesehen wurde, so kam Konflikten in anderen soziologischen Theorien eher eine destruktive, d. h. eine unsoziale Bedeutung zu. Während sich die Intensivierung und Neuorientierung der sozialwissenschaftlichen Konfliktforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zuletzt in kritischer Auseinandersetzung mit dem Strukturfunktionalismus Talcott Parsons vollzog, dessen Prämissen gerade nicht auf Konflikten, sondern auf Konsens und Stabilität beruhten, hatte zu Beginn des Jahrhunderts etwa bereits Georg Simmel einen Konflikt-Begriff entwickelt, der einerseits die Rolle von Konflikten für gesellschaftlichen Wandel betonte, gleichzeitig aber ihre sozialisierenden Auswirkungen hervorhob. [2] Seine Feststellung, „daß die gemeinsame Gegnerschaft gegen einen Dritten unter allen Umständen zusammenschließend wirkt“ [3] gewinnt für die hier zu diskutierenden Zusammenhänge unmittelbare Relevanz. Doch wie ist es möglich, diesen sehr allgemein formulierten und zunächst nicht weiter überraschenden Befund für die Analyse konkreter Konfliktsituationen fruchtbar zu machen und deren Konsequenzen gleichsam in actu zu erfassen?

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Die Theorie sozialer Identität, die vor allem von Henri Tajfel und John Turner formuliert wurde, stellt analytische Kategorien zur Verfügung, die diesem Bedürfnis in hohem Maße entgegenkommen. Tajfel und Turner gehen zunächst davon aus, dass Akteure grundsätzlich versuchen, eine positive soziale Identität zu erlangen und dass dies ausschließlich durch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe erreicht werden kann. [4] Der entscheidende Prozess, der die Mitgliedschaft zu einer Ingroup bedingt, ist dabei die ‚Selbst-Kategorisierung‘ des Individuums. [5] Die Existenz einer Ingroup ist jedoch unweigerlich an die oppositionellen und differentiellen Relationen zu Outgroups gebunden, keine Ingroup kann existieren, ohne die konstitutive Differenz zu einer Nicht-Ingroup. [6] Dieser Vorgang der Abgrenzung, der die kohärente Identität der Ingroup erst konstituiert und eine prinzipiell feindliche Grundhaltung zu Outgroups generiert, ist eine Implikation der Selbst-Kategorisierung. Denn diese vollzieht sich als Akt der Selbst- und Fremd-Stereotypisierung, der nicht nur die Differenzen zu Outgroups akzentuiert, sondern ebenso die Wahrnehmung von gruppeninternen Differenzen minimiert. Die Wahrnehmung von tendenziell feindlichen Outgroups kann somit soziale Identitäten erzeugen, indem deren Stereotypisierung gleichzeitig auf die Kohäsion der Ingroup zurückwirkt [7] und dort individuelles Verhalten „in kollektives Verhalten transformiert“. [8]

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Die hier knapp umrissenen theoretischen Prämissen der Theorie sozialer Identität haben für die Fragestellung dieses Beitrags nicht geringe Relevanz. Die Annahme, dass bereits die Wahrnehmung einer feindlichen Outgroup den Prozess der Selbst-Kategorisierung stimulieren kann, sowie die These, dass die Selbst-Kategorisierung unweigerlich gruppeninterne Differenzen minimiert, könnten zumindest erklären, warum die Konflikte von einzelnen Scholaren mit einzelnen Stadtbewohnern mitunter einen Wahrnehmungsprozess in Gang setzen, der für die Gesamtheit der Schulen Bedeutung gewinnt und die konkurrierenden Magister einander annähert. Die partiellen Konflikte von individuellen Studenten mit bestimmten Stadtbewohnern und die jeweils idiosynkratischen Gründe ihrer Entstehung initiieren demnach einen Perzeptionsvorgang, durch den auch die Magister beginnen, die Stadtbewohner als gemeinsamen ‚Außenfeind‘, als Outgroup, wahrzunehmen. Die Scholaren, deren aggressives Verhalten meist Auslöser der Konflikte war, fungieren mit ihren individuellen Auseinandersetzungen gleichsam als Antrieb dieses Prozesses, ihre Konfliktfälle stellen exogene Stimuli dar, die – eingelesen in ein simplifizierendes Ingroup-Outgroup-Schema – bei den Magistern eine Selbst-Kategorisierung aktivieren. In der Tat waren es studentische Konflikte, die die Magister im Jahre 1200 dazu veranlassten, sich mit den Scholaren solidarisch zu erklären, ihre Beschwerden über das Verhalten der Stadtbewohner beim König vorzutragen und damit implizit die oppositionelle Relation von Town und Gown zu artikulieren. Der Konfliktfall einzelner Studenten motivierte die Magister, für die Rechte der gesamten sich formierenden Universität einzutreten, und bekanntlich hatte das Privileg Philipps II. Konsequenzen für den Rechtsstatus aller Angehörigen der Schulen. [9] Der König nahm die Konfliktpartei, die bei ihm vorsprach, somit ebenfalls als homogene Gruppe war, deren Schutz gegenüber anderen Gruppen garantiert werden sollte. Gerade durch das Einschalten einer dritten Instanz und den damit verbundenen Kommunikationen wird deutlich, dass Konflikte immer auch ein Aushandeln von Identitäten implizieren. Auch die ‚Verhandlung‘ [10] mit dem König ist in dem Sinne identitätskonstituierend, als dieser Kontakt zu einer dritten Instanz der anklagenden Partei unweigerlich eine gemeinsame Kategorie zuschreibt. Indem die Magister und Scholaren als eine Konfliktpartei wahrgenommen werden, stellt das Privileg Philipps II. aus dem Jahre 1200 ein – im Wortsinne – bezeichnendes Zeugnis dieses Perzeptions- und Zuschreibungsprozesses dar.

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Denn entscheidend sind die sozialen Kategorien, die in diesem Dokument kommuniziert wurden: So schrieb der König vor, dass alle „cives Parisienses“ fortan verpflichtet waren, den Angriff eines „laicus“ auf einen „scolaris“ umgehend zu melden. [11] Die Entgegensetzung von scolares und cives bzw. laici, welche die Urkunde artikuliert, zeigt die Wahrnehmung, die der Konflikt ausgelöst hatte. Dass diese nicht flüchtig blieb, sondern verstetigt werden konnte, wurde ebenso durch eine Anordnung des Privilegs begünstigt: Die Bewohner von Paris (populus Parisiensis) sollten gemeinsam mit dem königlichen Prévôt in Gegenwart der Schulangehörigen (in conspectu scolarium) schwören, die Bestimmungen der Urkunde einzuhalten. [12] Eine derartige Situation kommunizierte den Magistern und Studenten unweigerlich ihre auf Differenz zum populus Parisiensis gründende gemeinsame Gruppenzugehörigkeit.

Anmerkungen

[1] Otto Gerhard Oexle: Alteuropäische Voraussetzungen des Bildungsbürgertums ‒ Universitäten, Gelehrte, Studierte, in: Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil 1: Bildungsbürgertum und Professionalisierung in internationalen Vergleichen, hrsg. von Werner Conze und Jürgen Kocka (Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte 3/1), Stuttgart 1985, S. 29‒78, hier S. 45; ähnlich, im Sinne einer Desorganisation, auch die Darstellung von Joachim Ehlers: Paris. Die Entstehung der europäischen Universität, in: Stätten des Geistes. Große Universitäten Europas von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. von Alexander Demandt, Köln 1999, S. 75‒90, hier S. 77.

[2] Georg Simmel: Der Streit, in: Ders.: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, hrsg. von Otthein Rammstedt, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1999, S. 284‒382.

[3] Ders.: Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe, in: Soziologie (wie Anm. 2), S. 556‒686, hier S. 684.

[4] Henri Tajfel/John Turner: An Integrative Theory of Intergroup Conflict, in: The Social Psychology of Intergroup Relations, hrsg. von William Austin und Stephen Worchel, Monterey 1979, S. 33‒47, hier S. 40; siehe auch allgemein: Dominic Abrams/Michael A. Hogg: Social Identifications. A Social Psychology of Intergroup Relations and Group Processes, London 1988.

[5] Dominic Abrams et al.: Knowing what to think by Knowing who you are: Self-Categorization and the Nature of Norm Formation, Conformity and Group Polarization, in: Intergroup Relations: Essential Readings, hrsg. von Dems./Micheal A. Hogg, Philadelphia 2001, S. 270‒288, hier S. 272; John Turner: A Self-Categorization Theory, in: Rediscovering the Social Group. A Self-Categorization Theory, hrsg. von dems. et al., Oxford 1987, S. 42‒67; Ders.: Towards a Cognitive Redefinition of the Social Group, in: Social Identity and Intergroup Relations, hrsg. von Henri Tajfel, Cambridge 1982, S. 15‒40, hier S. 17f.

[6] Michael A. Hogg/Sarah C. Hains: Intergroup Relations and Group Solidarity: Effects of Group Identification and Social Beliefs on Depersonalized Attraction, in: Intergroup Relations (wie Anm. 4), S. 110‒128, hier S. 111.

[7] Henri Tajfel: Social Stereotypes and Social Groups, in: Intergroup Relations (wie Anm. 4), S. 132‒145.

[8] Andreas Zick: Die Konflikttheorie der Theorie sozialer Identität, in: Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. Eine Einführung, hrsg. von Thorsten Bonacker, 4. Aufl., Wiesbaden 2008, S. 409‒426, hier S. 413.

[9] Chartularium Universitatis Parisiensis I, Nr. 1, S. 59‒61; zu den Ereignissen siehe Hastings Rashdall: The Universities of Europe in the Middle Ages, hrsg. von F. M. Powicke und A. B. Emden, Bd. 1, Oxford 1936, S. 294f.

[10] Zur Verhandlung als Form der Konfliktaustragung: Claude Louche, Open Conflict and the dynamics of Intergroup Negotiations, in: Social Identity (wie Anm. 4), S. 469‒482, hier S. 480.

[11] De securitate autem scolarium in posterum Parisius consilio hominum nostrorum hoc ordinavimus, quod omnes cives Parisienses jurare faciemus, quod si alicui scolari ab aliquo laico injuriam fieri aliquis viderit, quod super eo testimonium perhibebit veritati, nec se substrahet aliquis ne videat (Chartularium Universitatis Parisiensis I, Nr. 1, S. 59).

[12] Ut autem hec cautius custodiantur et stabili imperpetuum jure firmentur statuimus, ut prepositus nunc noster et populus Parisiensis omnia que predicta sunt in conspectu scolarium se bona fide servaturos juramento confirment (Chartularium Universitatis Parisiensis I, Nr. 1, S. 60).

Empfohlene Zitierweise
Marcel Bubert, Pariser Scholaren um 1200 als gewaltsame Akteure. Überlegungen zur Entstehung der Universität aus konfliktsoziologischer Perspektive: Konfliktsoziologische Betrachtung, aus: Andreas Speer, Andreas Berger (Hg.), Studentengeschichte zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/studentengeschichte/paris-um-1200-universitaet-und-konflikt/konfliktsoziologische-betrachtung/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 18.03.2015

Zuletzt geändert: 22.05.2015