Virtuosen der Öffentlichkeit

Abstracts

 

Friedrich Jaeger: Intellektuellenkommunikation als Forschungsfeld

Der Beitrag unternimmt den Versuch, in Auseinandersetzung mit einigen aktuellen Forschungstrends einen praxeologischen Zugang zur Geschichte und zur gegenwärtigen Situation von Intellektuellen zu entwickeln, indem er die sich historisch wandelnden Formen ihrer Kommunikation in den Mittelpunkt rückt. Drei Gesichtspunkte stehen dabei im Zentrum: erstens das Wirken von Intellektuellen im öffentlichen Raum und die damit verbundene Applikation von Wissen auf Praxis; zweitens die besonders ausgeprägten und insofern 'virtuosen' Fähigkeiten von Intellektuellen zur Nutzung von Medien, wobei dem derzeitigen Durchbruch der neuen digitalen Kommunikationsmedien in neueren Forschungsarbeiten besondere Bedeutung zukommt; drittens schließlich die Globalisierung und Transnationalisierung der Intellektuellenkommunikation und der Herausbildung internationaler Intellektuellennetzwerke, für deren Entstehung und Ausbreitung die neuen digitalen Medien ebenfalls eine besondere Bedeutung besitzen. 

 

Alexandra Nebelung: Von Berlin nach Wien – Friedrich von Gentz als intellektueller Grenzgänger

Friedrich von Gentz erlangte europäisches Ansehen durch seine Schriften gegen die Französische Revolution und zählte zu den wichtigsten Intellektuellen seiner Zeit. Sein unermüdlicher Einsatz gegen die Entartungen der revolutionären Ideen und für die Weiterführung der Koalitionskriege brachte ihn unter anderem in Gegensatz zu seinem Vaterland Preußen und einem Teil seiner engsten Freunde. 1802 nahm er das Angebot an, für den Kaiser in Österreich zu arbeiten und zog von Berlin nach Wien. Dort wurde er als rechte Hand Metternichs Teil der wichtigen politischen Kreise der Restaurationszeit. Bald nach seinem Wechsel distanzierte sich Gentz von seinem Berliner Dasein als politischer Schriftsteller. Dank der vielen Briefe, die Gentz zeitlebens schrieb, und seines Tagebuchs sind seine Selbstreflexionen gut dokumentiert. Vor allem in einem Schreiben an Amalie von Helvig aus dem Jahr 1827, fünf Jahr vor Gentz' Tod entstanden, lässt er seinen Werdegang ausführlich Revue passieren.

 

Bernd Klesmann: Die Revolution kehrt zurück – "Le Constitutionnel", die Pariser Presse und Friedrich von Gentz (1815-1830)

Intellektuelle Debatten über die politisch-gesellschaftliche Neugestaltung Europas nach 1814 / 15 fanden zu nicht unerheblichen Teilen auf dem Forum der Tagespublizistik statt. Gentz als Mitautor des "Österreichischen Beobachters" stand hier in ausdrücklichem Gegensatz zu Teilen der französischen Oppositionspresse des Frühliberalismus, deren literarisch profilierte Exponenten im "Constitutionnel" vielfach unmittelbare Kritik an der Wiener Politik äußerten. Die Gegenüberstellung ausgewählter Textpassagen soll diesen Antagonismus veranschaulichen.

 

Christian Maiwald: Die Korrespondenz des Friedrich von Gentz mit dem Internuntius Franz Freiherr von Ottenfels-Gschwind in den Jahren 1822-1825

In der rezenten Geschichtsforschung ist nach längerer Abstinenz wieder ein Interesse an der Person Friedrich von Gentz zu erkennen. Dieses erneuerte Interesse hat allerdings zu keiner umfassenden Analyse von Gentz' Rolle in den Auseinandersetzungen um eine griechische Unabhängigkeit geführt. Dementsprechend unbeachtet blieben auch bisher seine Beziehungen zum am Rande der europäischen Welt gelegenen Osmanischen Reich. Und dass, obwohl die Überlieferungssituation mit der umfangreichen Korrespondenz zwischen Gentz und dem österreichischen Botschafter in Konstantinopel, Franz Freiherr von Ottenfels-Gschwind, äußerst günstig ist. Das Thema 'Gentz und der Orient' kann demnach als ein Desiderat der aktuellen, interdisziplinär ausgerichteten Geschichtswissenschaft betrachtet werden. Der Aufsatz als 'Werkstattbericht' einer geplanten Masterarbeit sucht dem Zustand Rechnung zu tragen, indem diese Briefe von Gentz im Hinblick auf dessen Fremdwahrnehmungserfahrungen untersucht werden sollen.

 

Hanno Scheerer: Thomas Jefferson als Virtuose der Öffentlichkeit? Politiker-Intellektuelle in Nordamerika zur Revolutionszeit

Der US-amerikanischen Gesellschaft wird allgemein ein großer Antiintellektualismus zugeschrieben. Die USA sind das Land der pragmatischen Macher, nicht der großen Denker. Das war jedoch nicht immer der Fall: Die amerikanische Revolution (1776) wurde maßgeblich geprägt von großen Philosophen wie Thomas Jefferson und Benjamin Franklin. Diese Männer vereinten Intellektualismus und politische Macht und stehen für einen spezifisch amerikanischen Typus: den Politiker-Intellektuellen. Das Beispiel Thomas Jeffersons zeigt, dass diese Mischung nur kurzzeitig funktionierte. Mit der Entstehung einer modernen politischen Öffentlichkeit nach der amerikanischen Revolution wurde der Politiker Jefferson zunehmend für seine gesellschaftskritischen Äußerungen angegriffen. Jefferson suchte als Intellektueller daher nicht die breite Öffentlichkeit, sondern einen sehr limitierten Adressatenkreis, über den er hoffte, gesellschaftliche Veränderungen forcieren zu können.

 

Eva Bischoff: James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien

Als Alexander Maconochie am 20. Mai 1837 seinen Bericht über die Situation des Strafvollzugs an John Franklin, den Lieutenant-Governor der Kolonie Van-Diemens-Land, übersandte, formulierte er eine scharfe Kritik des damaligen Strafsystems. Sein "Report on Convict Discipline" wurde zu einem zentralen Text der parlamentarischen Debatten um die Deportation von Sträflingen in den 1830er und 1840er Jahren. In seinem Bericht bezog Maconochie sich auf die Darstellungen zweier Quäker, James Backhouse und George Washington Walker, die als "travellers under concern" die Kolonie ebenfalls besucht und gleichfalls die Situation der Strafgefangenen sowie des Strafsystems erforscht hatten. Ausgehend von der Kritik eines Mitgliedes der lokalen Quäkergemeinde, Maconochie habe die Schriften seiner Glaubensbrüder ungerechtfertigt politisiert, lotet der Beitrag die Rolle der beiden genannten Geistlichen als "Protagonisten der Öffentlichkeit" in Kolonie und Metropole kritisch aus.

 

Anne Baillot: Berliner 'Intellektuelle' um 1800. Eine kontroverse Kategorie und ihre Anwendbarkeit im digitalen Zeitalter

Im Rahmen des zwischen 2010 und 2015 durchgeführten Forschungsvorhabens "Berliner Intellektuelle 1800-1830" stellte sich wiederholt die Frage nach der Zweckmäßigkeit der Verwendung einer anachronistischen Begrifflichkeit: Welche medialen Strategien lassen sich um 1800 beobachten, die den Einsatz dieser theoretischen Umrahmung sinnvoll machen, wie lassen sie sich beobachten und welchen Erkenntnismehrwert kann man sich davon erhoffen? Hier werden zunächst die sozial-historischen Strukturen geschildert, anhand derer sich 'Intellektuelle' in Berlin um 1800 identifizieren lassen. In einem zweiten Teil werden die Textkorpora dargestellt, die es möglich machen, einer solchen Fragestellung nachzugehen. In einem letzten Schritt wird gezeigt, dass digitale Methoden es erlauben, solche Phänomene sowohl feingranular als auch auf einer strukturelleren Ebene zu beobachten und zu untersuchen.

 

Rebecca van Koert: 'Digitale Intellektuelle': Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse in digitalen Datenbanken

Um den Fragestellungen der historischen Anthropologie gerecht zu werden, entwickelte Winfried Schulze in den 1990er Jahren das Konzept der Ego-Dokumente und eröffnete damit eine Arbeit mit Quellen, die die Geschichtswissenschaft bis heute prägt. Die begriffliche Debatte um Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse ist zwar weitestgehend abgeflaut, das Interesse an den Quellen bleibt jedoch ungebrochen und ist längst nicht mehr nur auf die Geschichtswissenschaft beschränkt. In neuester Zeit finden sich neben konventionell gedruckten Arbeiten aber auch immer häufiger digitale Editionen von Selbstzeugnissen sowie Datenbanken, die sich die vereinfachte Zugänglichkeit von Quellen und Forschungsergebnissen zum Ziel machen. Diese bieten besonders auch für die Intellektuellengeschichte wertvolle Quellenbestände, die das interdisziplinäre Erarbeiten eines Intellektuellenbegriffs ermöglichen und darüber hinaus das Konzept der Intellektualität auch für die Frühe Neuzeit fruchtbar machen können.

 

Michael Rohrschneider: Friedrich von Gentz (1764-1832) ‒ ein Intellektueller avant la lettre? Beobachtungen anhand der Quellenpublikation "Gentz digital"

Friedrich von Gentz (1764-1832) zählt zu den bedeutendsten Publizisten und politischen Schriftstellern der Zeitenwende um 1800. Seine zunehmende Verstrickung in die politische Alltagsarbeit auf höchster politischer Ebene im Gefolge seines Übertritts aus preußischen in österreichische Dienste (1802) führten zu einem Prozess der Selbstreflexion, an dessen Ende ganz offenbar die subjektive Überzeugung von der Inkompatibilität autonomen schriftstellerischen Schaffens mit einer Existenz als Akteur in der innersten Sphäre der politischen Macht stand. Für sich selbst hat Gentz sein Leben lang in elitärer Weise in Anspruch genommen, im Sinne der "lumières intellectuelles" politische Wirkung zu entfalten. Wenn man das Politische als einen Wesenskern von Intellektualität ansieht, dann spricht folglich nichts dagegen, zumindest das Wirken des jungen Gentz in die Traditionslinie des modernen 'public intellectual' zu stellen.