Die anglophone Welt

Einführung: Intellektuelle in der anglophonen Welt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts

Ursula Lehmkuhl

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Die beiden Beiträge in dieser Sektion behandeln die Rolle von Intellektuellen in der anglophonen Welt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die Beiträge diskutieren den Transfer und die Übersetzung politischer Ideen und Formen der politischen Öffentlichkeit aus Großbritannien in die sogenannte "Anglosphere". [1] Politische Aktivitäten und Einflussnahmen, öffentliche Wirkung, die Bedeutung von Netzwerken und die Verflechtungszusammenhänge zwischen der politisch-intellektuellen Transformation Großbritanniens und seiner Kolonien stehen dabei im Vordergrund. Dabei fokussieren die Beiträge auf die klassischen Siedlungskolonien in Nordamerika und Ozeanien. Siedlungskolonien waren nach Jürgen Osterhammel durch den massenhaften Zuzug europäischer Einwanderer geprägt, die nicht nur die obersten Spitzen der Verwaltung, des Militärs und der Wirtschaft stellten, sondern sich das Land selbst aneigneten und bewirtschafteten. Dabei beuteten sie häufig indigene Arbeitskräfte oder eingeführte Sklaven aus. In den Siedlungskolonien kam es de facto zu einem weitgehenden "Bevölkerungsaustausch". [2] Die indigene Bevölkerung wurde teilweise unter Anwendung extremer Gewalt zurückgedrängt. Vereinzelt kam es von Seiten des kolonialen Staates und seiner 'weißen' Bürgerinnen und Bürger sogar zu ethnischen Säuberungen und Fällen von Genozid. [3]

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Aufgrund des weitgehenden Bevölkerungsaustauschs werden insbesondere die USA, Kanada, Australien und Neuseeland auch als neo-europäische Gesellschaften bezeichnet. [4] Siedlungskolonien sind geprägt durch einen ausgesprochenen Ideen- und Institutionentransfer zwischen Europa und dem außereuropäischen Raum. [5] Es ist nun zu fragen, inwiefern sich im Rahmen dieses Ideen- und Institutionentransfers auch Schlüsselbegriffe für das politische Denken der Moderne auf die Reise begeben haben und in den Siedlergesellschaften spezifische Eigenentwicklungen erfuhren. Inwieweit ist die von Koselleck für die "Sattelzeit" [6] als charakteristisch beschriebene Verschiebung in der Bedeutung politischer Leitbegriffe von überzeitlich-statischen hin zu zukunftsgerichtet-antizipatorischen Inhalten auch in den Siedlergesellschaften der kolonialen "Anglosphere" zu beobachten? In welchen sozialen und politischen Kontexten werden Fortschritt und Zukunftsgerichtetheit in den kolonial und post-kolonial geprägten neo-europäischen Gesellschaften diskutiert? Wer sind die Träger und Ideengeber in diesen Diskussionsprozessen? Welche reflexiven Dimensionen entwickeln diese Prozesse im Hinblick auf ihre Rezeption und Verarbeitung im europäischen kolonialen Zentrum? Auf was für eine 'Öffentlichkeit' bzw. 'Öffentlichkeiten' versuchten 'Intellektuelle' Einfluss zu nehmen und über welche Medien verbreiteten sie ihre Ideen? Und schließlich: Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten können im Vergleich zwischen den post-revolutionären Vereinigten Staaten und den am Beginn der Kolonisation stehenden Gesellschaften in den britischen Kolonien Australien und Tasmanien beobachtet werden?

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Zur Sondierung dieser Fragen werden in dieser Sektion zwei sehr unterschiedliche Beispiele englischer Siedlungskolonien diskutiert: die 1776 unabhängig gewordenen nordamerikanischen Siedlungskolonien und die ab 1800 zunehmend in das politische Interesse Londons rückenden Kolonien im Pazifik: New South Wales und Tasmanien. Dabei muss an dieser Stelle in caveat formuliert werden. Die genannten Forschungsfragen können selbstverständlich im Rahmen von zwei exemplarischen Sondierungen nicht alle behandelt oder gar beantwortet werden. Ich nenne sie hier dennoch, um das breite Feld an möglichen zukünftigen Forschungen zum Thema "Intellektuelle in der Anglosphere" zu umreißen. Damit zurück zu unseren beiden Fallbeispielen.

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Der historische Kontext der amerikanischen Besiedlungsgeschichte und der Amerikanischen Revolution und Unabhängigkeit ist weitgehend bekannt und muss im Rahmen dieser Einleitung nicht rekonstruiert werden. [7] Weniger bekannt ist die Kolonialgeschichte Australiens, die deutlich später begann als die Besiedlung Nordamerikas. Zwischen beiden räumlichen Kontexten besteht allerdings ein Verflechtungszusammenhang. Nachdem die USA von Großbritannien unabhängig geworden waren, suchte die britische Regierung nach neuen Möglichkeiten, Kolonien für ihre Sträflinge einzurichten. 1788 trafen die ersten elf Schiffe mit rund 1.000 Frauen und Männern, darunter gut drei Viertel Sträflinge, in der 1770 formell für Großbritannien in Besitz genommenen Kolonie New South Wales ein. Als 1792 eine französische Expedition auf Tasmanien landete, um das Land zu erkunden, entschieden sich die Briten, auch hier möglichst schnell eine Kolonie einzurichten. 1803 und 1804 wurden die ersten Siedlungen am Derwent River gegründet: Risdon Cove, Hobart Town und George Town und erste Sträflinge nach Tasmanien deportiert. 1804 kamen auf einen freien Siedler mehr als vier Häftlinge, wobei es zu bedenken gilt, dass diese 'freien' Siedler meist nicht freiwillig dort ansässig wurden. Streng genommen waren es keine Siedler, sondern Soldaten, Beamte und Handwerker, die nach Van-Diemens-Land abkommandiert waren. In keine andere australische Kolonie wurden so viele Strafgefangene deportiert wie nach Tasmanien. Insgesamt wurden 74.000 auf die Insel verbannt, darunter 12.000 bis 13.000 Frauen. Erst 1825, als das damalige Van-Diemens-Land zu einer eigenständigen Kolonie erklärt wurde, war das Verhältnis zwischen freien und deportierten Europäern ausgeglichen: Von den circa dreizehntausend Einwohnern waren erstmals nur noch die Hälfte Strafgefangene. [8]

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Politisch und sozial behandeln wir mit den Vereinigten Staaten von Amerika und Tasmanien zwei sehr ungleiche Fälle, die hinsichtlich der Frage nach der Bedeutung von Intellektuellen und der Formierung einer Öffentlichkeit als Beispiel für die ausgesprochene 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' innerhalb der sich über Kolonialismus und Imperialismus etablierenden "Anglosphere" der Sattelzeit herangezogen werden können. Während sich aufgrund der spezifischen Besiedlungsgeschichte der Nordamerika-Kolonien – königliche "Charters" für Handelskompanien und Eigentümer, die damit im Auftrag der britischen Krone aber doch relativ unabhängig und autonom den Besiedlungsprozess steuerten und vor Ort Governance-Funktionen übernahmen – bereits im späten 17. Jahrhundert eine politische und ökonomische Elite etablierte, dominierten in Tasmanien Soldaten und Beamte zusammen mit Missionaren das gesellschaftliche und politische Leben. In Nordamerika versuchten die Siedler gesellschaftliche und politische Utopien zu realisieren und neue politische Formen der Selbstverwaltung zu etablieren. In Tasmanien musste das Zusammenleben in einer vornehmlich männlich geprägten Sträflingsgesellschaft organisiert werden. Damit standen inhaltlich zwei große Themen im Raum, die die 'intellektuelle' bzw. öffentliche Diskussion in den britischen Nordamerikakolonien und der Sträflingskolonie Tasmanien prägten: die Etablierung aufgeklärter politischer Systeme – Republikanismus und Demokratie – und die Sicherung eines menschwürdigen Umgangs mit Strafgefangenen im Kontext der aufgeklärten und von englischen Philanthropen angestoßenen Debatten um Gefängnisreform.

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Am Beispiel von Thomas Jefferson, der hauptsächliche Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und einer der einflussreichsten Staatstheoretiker der USA, der von 1801 bis 1809 als dritter Präsident der Vereinigten Staaten die Frühgeschichte der unabhängigen Republik maßgeblich mitgestaltete, und Alexander Maconochie, Gründer und erster Sekretär der "Royal Geographical Society", erster Professor für Geographie am "University College London" und Pionier der Gefängnisreformbewegung in Großbritannien, beleuchten die beiden Beiträge die Wirkung von Intellektuellen in den Vereinigten Staaten und Großbritannien / Tasmanien. Dabei wird einerseits gezeigt, dass sich in den unabhängigen Vereinigten Staaten über die bereits zur Kolonialzeit herausgebildete politische und intellektuelle Elite eine eigene politisch-philosophische und intellektuelle Tradition etablierte, für die Jefferson als Politiker-Intellektueller exemplarisch steht. Andererseits wird auf den engen Zusammenhang zwischen religiösem und politischem Diskurs, die Bedeutung von wissenschaftlich-intellektuellen Traditionen, Philanthropie und Zivilisierungsmission im Kontext des "British Empire" hingewiesen. Missionare waren die häufig nicht unumstrittene Verkörperung des englischen Liberalismus und galten als Träger und Protagonisten der englischen Zivilisierungsmission.

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Der tasmanische Fall macht dabei auch auf die enge Verflechtung zwischen kolonialem Diskurs und der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit in London aufmerksam. Seit dem Pariser Frieden von 1763 war Großbritannien nicht nur mit den Unabhängigkeitsbestrebungen in den 13 nordamerikanischen Kolonien konfrontiert. Die Zeit um 1800 war auch in Großbritannien selbst eine Zeit radikalen sozialen und wirtschaftlichen Umbruchs. Großbritannien hatte sich von einem agrarisch geprägten vorindustriellen Land zur führenden Industrie- und Handelsnation entwickelt. Die Umwälzung von agrarisch und handwerklich bestimmten Lebens- und Erwerbsformen zur Industriegesellschaft und -wirtschaft nahm im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Großbritannien ihren Anfang und erfasste innerhalb weniger Jahrzehnte die ganze Welt. Das demographische Wachstum, das die sozio-ökonomischen Wandlungsprozesse im Kontext der Industriellen Revolution begleitete, beförderte die britische Übersee-Expansion. Die neuen Kolonien in Ozeanien, New South Wales, Van-Diemens-Land und später Neuseeland dienten auch als Ventil für die sozialen Probleme, die das Bevölkerungswachstum zu Hause mit sich brachte. Gefangenendeportation und Zwangsmigration von verarmten Bevölkerungsteilen sollten Politik und Gesellschaft im Mutterland entlasten.

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Der britische Kolonialismus war allerdings nicht der einzige Grund, warum trotz des radikalen Wandels, der sich auch in der Entwicklung eines politischen Radikalismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts niederschlug, die gesellschaftspolitische Situation in Großbritannien relativ stabil blieb. Es kam hier – wie wir wissen – weder zu einer 'Revolution von unten' wie in Frankreich noch zu einer 'Revolution von oben' wie in Preußen-Deutschland. Ausschlaggebend für die Stabilität Großbritanniens waren letztlich die flexiblen Anpassungsstrategien, mit denen die Adelsgesellschaft auf die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Industriellen Revolution reagierte. Als Verkörperung des 'alten' England erwies sich der Adel als Stabilitätsanker im sozialen Kräftefeld. Alexis de Tocqueville beschrieb das England der 1830er Jahre im Kontrast zu den USA, wo man das Muster einer Demokratie studieren könne, als Beispiel einer funktionierenden Aristokratie. [9] Die Adelsgesellschaft akzeptierte die Entwicklung einer "plebejischen Öffentlichkeit", die sich im Kontext der Chartismus als neuer Faktor im politisch-sozialen Kräftefeld etablierte. Sozialgeschichtlich war diese neue Öffentlichkeit höchst brisant, "weil sie das emanzipatorische Potential der bürgerlichen Öffentlichkeit in einem neuen sozialen Kontext zur Entfaltung" brachte. [10] Im Rahmen dieser neuen bürgerlichen Öffentlichkeit artikulierten sich Intellektuelle und Reformer und streuten ihre Ideen und Forderungen über politische Klubs, sogenannte "Corresponding Societies", die politische Programme und Nachrichten durch Rundbriefe und Flugschriften von Ort zu Ort verbreiteten. Die Reformbewegung, unterstützt durch die Mittelschichten-Presse wie dem "Leeds Mercury" oder dem "Manchester Guardian", mobilisierte mit Forderungen nach der Ausweitung des Wahlrechts und der Agitation gegen das adlige Herrschaftsmonopol die sich etablierende breite Masse von Industriearbeitern. Die relativ offene politische Situation bot auch intellektuellen Reformern wie Maconochie den politischen Raum für die Formulierung von Kritik an den herrschenden Verhältnissen, nicht nur in Großbritannien selbst, sondern gerade auch in den Kolonien.

Anmerkungen

[1] Zur "Anglosphere" und ihrer politischen Bedeutung für die Entwicklung der 'modernen Welt' vgl. James C. Bennett: The Anglosphere Challenge: Why the English-speaking Nations will Lead the Way in the Twenty-first Century, Lanham / Maryland, 2004; Srdjan Vucetic: The Anglosphere: A Genealogy of a Racialized Identity in International Relations, Stanford 2011; Daniel Hannan: Inventing Freedom: How the English-speaking Peoples made the Modern World, New York 2013.

[2] Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 2001, 8, 21.

[3] Vgl. Norbert Finzsch: Siedlerimperialismus und Genozid in den Vereinigten Staaten und Australien, in: Hartmut Lehmann / Claudia Schnurmann (Hg.): Atlantic Understandings: Essays on European and American History in Honor of Hermann Wellenreuther, Münster 2006, 271-285.

[4] Vgl. Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt: eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, 1063.

[5] Für die nordamerikanischen Kolonien vgl. Ursula Lehmkuhl: Regieren im kolonialen Amerika: Colonial Governance und koloniale Gouvernementalité in französischen und englischen Siedlungskolonien, in: Thomas Risse / Ursula Lehmkuhl (Hg.): Regieren ohne Staat? Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit, Baden-Baden 2007, 111-133; Dominik Nagl: No part of the mother country, but distinct dominions: Rechtstransfer, Staatsbildung und Governance in England, Massachusetts und South Carolina, 1630-1769, Berlin 2013.

[6] Reinhart Koselleck: Einleitung, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1, Stuttgart 1972, XIII-XXVII, hier: XV; ders.: Das 18. Jahrhundert als Beginn der Neuzeit, in: ders. (Hg.): Epochenschwelle und Epochenbewußtsein, München 1987, 269-283.

[7] Vgl. Jürgen Heideking: Geschichte der USA, Tübingen 1999.

[8] Vgl. Johannes H. Voigt: Geschichte Australiens, Stuttgart 1988; James Fenton: A History of Tasmania, from its Discovery in 1642 to the Present Time, Hobart 1884; Leslie Lloyd Robson: A History of Tasmania, New York 1983; Henry Reynolds: A History of Tasmania, Cambridge 2012.

[9] Vgl. Gottfried Niedhart: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert, München 1987, 24-56.

[10] Günther Lottes: Politische Aufklärung und plebejisches Publikum: Zur Theorie und Praxis des englischen Radikalismus im späten 18. Jahrhundert, München 1979, 110.

Empfohlene Zitierweise
Ursula Lehmkuhl, Einführung: Intellektuelle in der anglophonen Welt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/virtuosen-der-oeffentlichkeit/die-anglophone-welt/einfuehrung/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 12.04.2016

Zuletzt geändert: 24.01.2017