James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien

Fazit

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Walkers Formulierung von der Bedeutung der "popular opinion" und der Rolle des informierten Bürgers im politischen Gefüge Großbritanniens scheint unmittelbar auf die von Jürgen Habermas konzeptualisierte (liberal-)bürgerliche Öffentlichkeit des 18. und 19. Jahrhunderts zu verweisen, auf ein "Forum, […] auf dem die zum Publikum versammelten Privatleute sich anschickten, die öffentliche Gewalt zur Legitimation vor der öffentlichen Meinung zu zwingen." [1] Bei einer abschließenden Beurteilung des Selbstverständnisses und des Handelns der beiden Quäker-Geistlichen muss jedoch berücksichtigt werden, dass sie sich stets gezielt an eine bestimmte Gruppe von evangelikal-christlich motivierten Reformer/innen richteten, nicht an eine als grundsätzlich unabgeschlossen gedachte Öffentlichkeit. [2] Backhouse und Walker publizierten keine Zeitungsbeiträge. Ihre Schriften zirkulierten nicht allgemein als Massenmedien, sondern in einer christlich-evangelikalen Teilöffentlichkeit zu der nicht nur ihre Glaubensbrüder und -schwestern und Reformer/innen gehörten, sondern auch Mitglieder der politischen Elite des Königreiches. [3] Wenn ihre Texte in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen zur Sprache kamen, dann nur vermittelt über andere wie Thomas Fowell Buxton oder Alexander Maconochie. Trotz dieser Distanzierung entsprechen sie jedoch nicht dem von Andreas Franzmann entworfenen Modell des "Intellektuelle[n] als Protagonist der Öffentlichkeit", dessen "originäre[s] Betätigungsfeld" die Öffentlichkeit im Gegensatz zum politischen Alltagsgeschäft, der "parlamentarischen Mehrheitsfindung, der Kompromißsuche und Ausschußarbeit" sei. [4]

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Gleichermaßen verfehlt wäre es, die Einschätzung ihres Glaubensbruders Francis Cotton zu übernehmen, nach der ihr Handeln ein apolitisches, rein religiöses war. Evangelikale Christ/innen des frühen 19. Jahrhunderts, zu denen Backhouse und Walker, wie ich oben demonstrierte habe, sowohl in intellektueller wie in sozialer Hinsicht zählten, verstanden es als ihre Aufgabe, sich aktiv in die Gestaltung ihrer Gesellschaft einzubringen – auch in politische Entscheidungsprozesse. Vor der Öffnung der Parlaments 1832 geschah dies zwangsläufig außerhalb dieses Forums. Es ist vorstellbar, dass Cottons Entrüstung einem eher quietistischen Verständnis von Religiosität entsprang, welches grundsätzlich in einem kritischen Verhältnis zu einem religiös motivierten gesellschaftlichen Engagement stand. Die beiden "travelling ministers" Backhouse und Walker, so macht meine Analyse ihrer Schriften und ihrer Tätigkeit deutlich, sahen sich demgegenüber vielmehr in einer anderen, dritten Rolle: die der unabhängigen Experten, die Zeugnis ablegten, deren Aussagen und Berichte anderen die dringend benötigen Informationen zur Verfügung stellten, um im politischen Feld zu handeln.

Anmerkungen

[1] Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, 84.

[2] Vgl. Habermas: Strukturwandel (wie Anm. 1), 98. Zur Problematisierung des Widerspruchs zwischen diesem Anspruch und der gleichzeitigen, für die Entstehung der bürgerlich-liberalen Öffentlichkeit konstitutiven Exklusion von sozialen Gruppen siehe Nancy Fraser: Rethinking the Public Sphere. A Contribution to the Critique of Actually Existing Democracy, in: Craig J. Calhoun (Hg.): Habermas and the Public Sphere. Studies in Contemporary German Social Thought, Cambridge / Massachusetts 1992, 109-142.

[3] Vgl. Benno Signitzer: Aspekte neuerer Public Relations-Theorie und wissenschaftliche PR-Beratung, in: PR-Magazin 20,11 (1989), 31-42. Ich ziehe hier den Begriff der "Teilöffentlichkeit" dem von Fraser bevorzugten Terminus "Gegenöffentlichkeit" vor, da Signitzer das geteilte Problembewusstsein ihrer Träger/innen sowie ihren Beschluss, gemeinsam gegen das Problem vorzugehen, in den Vordergrund stellt, eine Haltung, die charakteristisch für evangelikale Aktivist/innen der 1830er Jahre war.

[4] Andreas Franzmann: Der Intellektuelle als Protagonist der Öffentlichkeit. Einige Grundlinien des Strukturwandels der französischen Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert in ihrer Bedeutung für die Formierung des intellektuellen Räsonnements in der Affäre Dreyfus, in: Lothar Albertin u.a. (Hg.): Frankreich-Jahrbuch 1998, Opladen 1998, 133-150, hier: 139-144, Zitate 133, 144.

Empfohlene Zitierweise
Eva Bischoff, James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien: Fazit, aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/virtuosen-der-oeffentlichkeit/die-anglophone-welt/james-backhouse-und-george-washington-walker-als-protagonisten-der-oeffentlichen-debatte-um-die-reform-des-strafvollzugs-im-kolonialen-australien/fazit/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 11.04.2016

Zuletzt geändert: 08.07.2016