James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien

Quäkertum und Evangelikalismus

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Die Glaubensgemeinschaft der Quäker/innen ("Religious Society of Friends"), gegründet im Kontext des Englischen Bürgerkriegs des 17. Jahrhunderts, ist bis heute durch ein Zusammenspiel von Kontinuität und Wandel gekennzeichnet. James Backhouse (1794-1869) und George Washington Walker (1800-1859) gehörten zu einer Generation, die eine dieser entscheidenden Veränderungen aktiv mitgestaltete.

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Um Gestalt und Ausmaß dieses Wandels und damit die Position des Quäkertums der 1830er zu verstehen, ist es notwendig, den Blick zurück auf das 18. Jahrhundert zu richten. Zunächst Teil der radikalen protestantischen Reformbewegungen im Umfeld der "New Model Army", zogen sich Quäker/innen zwischen 1660 und 1780 zunehmend aus Fragen der Politik zurück. Die Zahl der Mitglieder schrumpfte von etwa 60.000 im Jahr 1680 auf nur noch circa 14.000 im Jahr 1851. [1] Diese Zeit des "Quietism" war für die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft gleichzeitig eine Zeit der Prosperität: Ihre politische Verfolgung und Exklusion wurde schrittweise abgebaut, wenn auch nicht vollständig aufgehoben. Der sukzessiven Integration auf staatlicher und gesellschaftlicher Seite stand die unbeirrte Weigerung gegenüber, den Zehnt zu zahlen. Diese wurde mit Geld- und Haftstrafen geahndet. [2]

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Ausgeschlossen von traditionellen Handwerken, öffentlichen Ämtern, dem Universitätsstudium oder einer militärischen Karriere, konzentrierten sich "Friends" auf neu entstehende Geschäftszweige und Gewerbe, die sich im Zuge der Kolonialisierung, der frühen Industrialisierung und der Ausbildung des "military-fiscal state" eröffneten: [3] Quäker wurden Plantagenbesitzer, handelten mit Kolonialwaren wie Tee, Kakao oder Kaffee, wurden Apotheker, Tuch- oder Eisenwarenhändler. Sie gründeten Banken, finanzierten oder leiteten die ersten Eisenbahngesellschaften in England. [4] Ihr ökonomischer Erfolg gilt neben dem bereits erwähnten Quietismus als das zentrale Merkmal der Gemeinschaft bis in die 1780er Jahre. In diesem Zeitraum erreichte die britischen "Friends" eine Debatte, die bis dahin in erster Linie in den Quäkergemeinschaften der nordamerikanischen Kolonien geführt worden war: die Auseinandersetzung um Legitimität und Fortbestand der Sklaverei. [5]

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Der abolitionistische Impuls traf auf eine weitere, religiöse Reformbewegung, die alle protestantischen Kirchen um 1800 aufrüttelte: der Evangelikalismus. [6] Obwohl an vielen Stellen nicht mit zentralen Grundsätzen ihres Glaubens vereinbar, bot die von evangelikalen Reformer/innen geforderte Integration des Glaubens in das persönliche Leben (von der täglichen Bibellektüre bis zum regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes) sowie die Betonung der Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft aus der Perspektive vieler Quäker/innen interessante Anknüpfungspunkte. [7] In politischer Hinsicht war die evangelikale Bewegung inhärent konservativ. Evangelikale setzten Paternalismus und Philanthropie gegen Revolution und Aufstände. Sie suchten die negativen Effekte der einsetzenden Industrialisierung mit Wohltätigkeit und karitativem Engagement zu mildern. [8] Die Hauptvertreter/innen dieser Bewegung waren Mitglieder des Großbürgertums; eine "combination of rentier economic interests, office-holding, and social notability", die in den Dekaden zwischen 1780 und 1850 maßgeblichen Einfluss auf den politischen Entscheidungsfindungsprozess ausübte und zu der mehr und mehr Quäkerfamilien in Folge ihres ökonomischen Erfolges Zugang erlangt hatten. [9] Eines der prominentesten Beispiele hierfür ist die Familie Gurney: Joseph John Gurney (1788-1847) wurde der Führer der evangelikalen Reformbewegung innerhalb der "Friends" und einer der bekanntesten Philanthropen seiner Zeit. [10] Seine Schwester Elizabeth Fry (1780-1845, geborene Gurney) war eine der Gallionsfiguren der Gefängnisreformbewegung. [11] Doch Evangelikalismus war mehr als nur ein Steckenpferd der Eliten. Evangelikale Normen und Werte wurden integraler Bestandteil des Habitus und der Religiosität der bürgerlichen Mittelschicht, ja sogar Teil des britischen Selbstverständnisses dieser Zeit. [12]

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Innerhalb der Quäkergemeinden waren evangelikale Neuerungen jedoch nicht unumstritten. Quietismus wurde aber zunehmend nur von einer älteren Generation vertreten. [13] Einer der Gründe für den Erfolg reformorientierter Quäker/innen waren die Schnittstellen mit existierenden Quäkerpraktiken: Viele evangelikale Projekte setzten auf nationaler Ebene um, was "Friends" bereits seit Jahren auf lokaler Ebene vorantrieben. Ausgehend von der Sorge für ihre eigenen Glaubensbrüder und -schwestern bildeten sie Organisationen, die sich in der Armenfürsorge, der Pflege psychisch kranker Menschen oder bei der Verbesserung der Situation von Inhaftierten engagierten. In diesen Organisationen nahmen häufig Frauen Schlüsselpositionen ein. [14] Dies fiel ihnen leichter als Frauen anderer protestantischer Gemeinschaften, da Quäkerinnen seit Gründung der "Society" nicht nur organisatorisch fest eingebunden waren sondern auch ein geistliches Amt übernehmen konnten: Auf Votum ihrer Gemeinden wurden Quäkerinnen ebenso wie Quäker zum "minister" ernannt. Eine Position, die Autorität (Repräsentation der Gemeinde auf regionaler und nationaler Ebene in den Organen der Quäkerkirche) und Glauben (das Recht zu predigen) miteinander verband. Quäkerinnen bildeten das Rückgrat der Abolitionsbewegung. [15] Im Rahmen ihres religiösen und philanthropischen Engagements unterhielten sie umfangreiche Briefnetzwerke. Zwei eindrückliche Beispiele sind Margaret Bragg (1761-1840, geborene Wilson) und ihre Tochter Rachel (1791-1854, ab 1814 Priestman), beide "minister" der Gemeinde Newcastles. [16]

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Eine der aktivsten evangelikal geprägten Quäkergemeinden Englands war die der Stadt York. Hier lebte Henry Tuke (1755-1814), dessen Schriften maßgeblich die evangelikale Wende innerhalb der Kirche beförderten. [17] York war auch die Wahlheimat von James Backhouse, der hier seit 1815 gemeinsam mit seinem Bruder Thomas (1792-1845) eine Gärtnerei betrieb. James Backhouse, seine Frau Deborah ([1793]-1827, geborene Lowe, Heirat 1822) und seine Tochter Sarah und waren aktive Mitglieder der Gemeinde. Alle drei wurden zum "minister" bestimmt. [18] Ein Blick in Backhouse' Schriften zeigt deutlich, dass er ein evangelikaler Quäker war: In seiner "Concise Apology for the Peculiarities of the Society of Friends" betonte er nicht nur die Elemente welche die Quäkerfrömmigkeit mit anderen protestantischen Glaubensrichtungen teilte, namentlich der Bezug auf die Bibel, sondern er berief sich auch auf prominente evangelikale Autoren wie Henry Tuke und Joseph John Gurney. [19] Durch seine Aktivitäten und seine Rolle als Prediger wurde Backhouse Teil eines protestantisch-philanthropischen Netzwerkes, das sich im Zuge der Abolitionsbewegung zu einem weltumspannenden Geflecht entwickelt hatte und dessen Mitglieder seine Reise förderten. So schrieb beispielsweise Elizabeth Fry im November 1832 an Samuel Marsden (1765-1838), [20] Geistlicher der Anglikanischen Kirche, Missionar im Auftrag der "Church Missionary Society", Siedler in Parramatta, New South Wales, und warb um Unterstützung für Backhouse' und Walkers Unterfangen: "I hope thou will like & value our friend James Backhouse & his companion. They may be considered as missionaries from the Society of friends not to proselite [sic] to their own peculiar view, but for the simple purpose of doing good to their fellow creatures spiritually & temporally. We consider them valuable men & friend[s] & that the blessing of the Almighty will attend them & their labours of Christian love." [21]

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Als James Backhouse die Mitglieder der Yorker Gemeinde im Dezember 1830 von seinem Anliegen informierte, die Kolonien New South Wales, Van-Diemens-Land und Südafrika "in the love of the Gospel of our Lord Jesus Christ" zu besuchen, war noch nicht klar, wer ihn auf seiner Reise begleiten sollte. [22] Erst nachträglich wurde George Washington Walker dazu bestimmt, und im Vergleich zu Backhouse blieb er stets der Juniorpartner des Teams, das im September 1831 aufbrach. Walker war Konvertit: Ursprünglich aus einer unitarischen Familie stammend, begann er mit vierzehn eine Ausbildung im Haushalt der Familie von Margaret und Hadwen Bragg (1763-1820), den Eltern von Rachel Priestman, die selbst überzeugte evangelikal geprägte "Friends" sowie angesehene Mitglieder und Geistliche der Quäkergemeinde Newcastles waren. [23] Als 1820 James Backhouse Margaret Bragg bei der Übernahme der Geschäfte ihres verstorbenen Gatten unterstützte, lernten sich die späteren Reisegefährten kennen und schätzen. [24] Walker trat 1827 zum Quäkertum über und blieb, wie im Folgenden zu sehen sein wird, auch in Australien mit Margaret Bragg und Rachel Priestman in Kontakt. Walker wuchs während der Reise in die Rolle des "travelling minister" hinein und wurde am 7. August 1834 von der neu gegründeten Gemeinde in Hobart zum Prediger bestimmt. [25]

Anmerkungen

[1] Vgl. John Punshon: Portrait in Grey. Short History of the Quakers, London 1984, 190. Elizabeth Isichei spricht von nur 13.859 registrierten Mitgliedern im Jahr 1861; Elizabeth A. Isichei: Victorian Quakers, London 1970, 112.

[2] Vgl. Arthur Raistrick: Quakers in Science and Industry. Being an Account of the Quaker Contributions to Science and Industry During the 17th and 18th Centuries, 2. Aufl., New York 1968, 39.

[3] Vgl. Peter J. Cain / Antony G. Hopkins: British Imperialism, 1688-2000, 2. Aufl., Harlow 2002, 62-103. Der Begriff wurde eingeführt durch John Brewer: The Sinews of Power. War, Money and the English State, 1688-1783, London 1989.

[4] Vgl. Raistrick: Quakers (wie Anm. 2), 48, 56, 217; James Walvin: The Quakers. Money and Morals, London 1997, 48ff., 70ff., 88.

[5] Vgl. Carey Brycchan: From Peace to Freedom: Quaker Rhetoric and the Birth of American Antislavery, 1657-1761, New Haven / Connecticut 2012, 2-5; Judith Jennings: The Business of Abolishing the British Slave Trade, 1783-1807, London 1997, 99-114.

[6] Vgl. Walvin: Money and Morals (wie Anm. 4), 128.

[7] Vgl. Isichei: Victorian Quakers (wie Anm. 1), 5f.; Boyd Hilton: The Age of Atonement. The Influence of Evangelicalism on Social and Economic Thought, 1785-1865, Oxford 1991, 8; Walvin: Money and Morals (wie Anm. 4), 128.

[8] Vgl. Hilton: Age of Atonement (wie Anm. 7), 3ff.; Walvin: Money and Morals (wie Anm. 4), 128.

[9] Hilton: Age of Atonement (wie Anm. 7), 7 (Hervorhebung im Original).

[10] Vgl. Sheila Wright: Friends in York. The Dynamics of Quaker Revival, 1780-1860, Keele 1995, 24-30. Zur Bedeutung von Gurney siehe: Isichei: Victorian Quakers (wie Anm. 1), 3-8; Thomas C. Kennedy: British Quakerism, 1860-1920. The Transformation of a Religious Community, Oxford 2001, 20f.

[11] Vgl. Annemieke van Drenth / Francisca de Haan: The Rise of Caring Power. Elizabeth Fry and Josephine Butler in Britain and the Netherlands, Amsterdam 1999, 51-80; June Rose: Elizabeth Fry, New York 1980, 79-122.

[12] Vgl. Ian Bradley: The Call to Seriousness. The Evangelical Impact on the Victorians, 2. Aufl., Oxford 2006, 22; Hilton: Age of Atonement (wie Anm. 7), 7; Leonore Davidoff / Catherine Hall: Family Fortunes. Men and Women of the English Middle Class, 1780-1850, London 1997, 76-106; Linda Colley: Britons. Forging the Nation, 1707-1837, 3. Aufl., New Haven 2009, 54.

[13] Vgl. Isichei: Victorian Quakers (wie Anm. 1), 3.

[14] Vgl. Raistrick: Quakers (wie Anm. 2), 86; Sandra S. Holton: Quaker Women. Personal Life, Memory and Radicalism in the Lives of Women Friends, 1780-1930, London 2007, 55.

[15] Vgl. Clare Midgley: Women against Slavery. The British Campaigns, 1780-1870, London 1992, 43-71.

[16] Vgl. Holton: Quaker Women (wie Anm. 14), 47-63.

[17] Vgl. Wright: Friends in York (wie Anm. 10), 24-30; Kennedy: British Quakerism (wie Anm. 10), 19.

[18] James Backhouse wurde im 1824, zwei Jahre nach seiner Frau, und ihre Tochter Sarah 1833 zum "minister" gewählt; Wright, Friends in York (wie Anm. 10), 146.

[19] Vgl. James Backhouse: A Concise Apology for the Peculiarities of the Society of Friends, Commonly Called Quakers. In their Language, Costume and Manners, Hobart Town 1833, 3.

[20] Vgl. A. T. Yarwood: Marsden, Samuel (1765-1838), in: National Centre of Biography / Australian National University (Hg.): Australian Dictionary of Biography, http://adb.anu.edu.au/biography/marsden-samuel-2433/text3237 <23.12.2015>.

[21] Elizabeth Fry an Samuel Marsden, 23. November (?) 1832, Mitchell Library, Marsden Papers A 1992, Vol. 1, 533-536, Zitat 535f.

[22] Certificates of James Backhouse and George Washington Walker, in: James Backhouse: A Narrative of a Visit to the Australian Colonies, London 1843, i-v, hier: i.

[23] Vgl. Josiah Forster: Piety Promoted in Brief Biographical Memorials, of Some of the Religious Society of Friends, Commonly Called Quakers. The Eleventh Part, London 1829, 221-228; Holton: Quaker Women (wie Anm. 14), 47-63.

[24] Vgl. James Backhouse / Charles Tylor: The Life and Labours of George Washington Walker, of Hobart Town, Tasmania, London 1862, 1-5.

[25] Vgl. Backhouse / Tylor: Life and Labours (wie Anm. 24), 184f.; Hobart Monthly Meetings, Minutebook 20.9.1833-2.12.1835, Tasmania University Archives, Society of Friends. Records of Hobart Regional Meeting from 1833 S1 / A1 / 1, 37.

Empfohlene Zitierweise
Eva Bischoff, James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien: Quäkertum und Evangelikalismus, aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/virtuosen-der-oeffentlichkeit/die-anglophone-welt/james-backhouse-und-george-washington-walker-als-protagonisten-der-oeffentlichen-debatte-um-die-reform-des-strafvollzugs-im-kolonialen-australien/quaekertum-und-evangelikalismus/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 12.04.2016

Zuletzt geändert: 08.07.2016