Die Beiträge dieser Publikation wurden am 6. Oktober 2016 elektronisch zweitveröffentlicht, siehe
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Berliner 'Intellektuelle' um 1800. Eine kontroverse Kategorie und ihre Anwendbarkeit im digitalen Zeitalter

Einleitung

Anne Baillot

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Der Intellektuellenbegriff kann auf die Zeit um 1800 deswegen nicht bedenkenlos angewendet werden, weil er in Bezug darauf anachronistisch ist. Sich selbst nennen die betroffenen Protagonisten manchmal 'Patrioten', Friedrich Schleiermacher spricht provokativ von den "Besseren", [1] meistens verzichten sie jedoch auf jede Form der Selbstbezeichnung. Nur selten verwenden sie die Bezeichnung 'Intellektuelle'. Erst mit Émile Zola beginnt die bewusste, selbstreflexive Verwendung des Begriffs und dort setzt auch in diversen historiographischen Kontexten zumeist die Anwendung dieser sozio-kulturellen Kategorie in der Forschung an. Wozu sie dann in eine Zeit hineinprojizieren, die sich damit nicht identifiziert? Wie sich zeigt, lässt sich diese Zuordnung – wenn auch ausgehend von der Prämisse einer fehlenden selbstreflexiven Bezeichnung – bereits in vormodernen historischen Zusammenhängen fruchtbar einsetzen.

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Es lassen sich unterschiedliche Intellektuellenmodelle vor Zola beobachten, schon in der frühen Neuzeit. [2] Ob und wie ausgerechnet diese Begrifflichkeit jeweils sinnvollerweise eingesetzt werden kann, hängt immer wieder von der sozial-politischen Konstellation ab, die es zu analysieren gilt. Die intellektuelle Prägnanz der einen oder anderen Epoche kann sehr wohl auch mit regionalen Spezifitäten zusammenhängen.

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Genau diese Frage gilt es, im Folgenden in Bezug auf die Zeit um 1800 mit Fokus auf die Stadt Berlin in den Blick zu nehmen. Warum und wozu diese Kategorie in diesem Kontext verwenden? Welche medialen Strategien lassen sich um 1800 beobachten, die den Einsatz eines solchen theoretischen Rasters sinnvoll machen, wie lassen sie sich beobachten und welchen Erkenntnismehrwert kann man sich davon erhoffen?

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In einem ersten Schritt werden die sozial-historischen Strukturen geschildert, anhand derer sich 'Intellektuelle' in Berlin um 1800 identifizieren lassen. In einem zweiten Teil werden die Textkorpora dargestellt, die es möglich machen, einer solchen Fragestellung nachzugehen. In einem letzten Schritt wird gezeigt, dass digitale Methoden es erlauben, solche Phänomene sowohl feingranular als auch auf einer strukturelleren Ebene zu beobachten und zu untersuchen.

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Wo gab es ihn also, den Intellektuellen um 1800? In Berlin auf jeden Fall.

Anmerkungen

[1] Vgl. Karl Solgers bittere Bemerkung darüber in: Ludwig Tieck / Friedrich von Raumer (Hg.): Solger's nachgelassene Schriften und Briefwechsel, Bd. 1, Leipzig 1826, 726, die sich explizit auf Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Schleiermacher bezieht.

[2] Vgl. Luise Schorn-Schütte (Hg.): Intellektuelle in der frühen Neuzeit, Berlin 2010 sowie Kirill Abrosimov: Die Genese des Intellektuellen im Prozess der Kommunikation. Friedrich Melchior Grimms "Correspondance littéraire", Voltaire und die Affäre Calas, in: Geschichte und Gesellschaft 33 (2007), 163-197, hier insbesondere 164ff.

Empfohlene Zitierweise
Anne Baillot, Berliner 'Intellektuelle' um 1800. Eine kontroverse Kategorie und ihre Anwendbarkeit im digitalen Zeitalter: Einleitung, aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/virtuosen-der-oeffentlichkeit/digital-intellectuals/berliner-intellektuelle-um-1800-eine-kontroverse-kategorie-und-ihre-anwendbarkeit-im-digitalen-zeitalter/einleitung/?L=1 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 11.04.2016

Zuletzt geändert: 08.07.2016