'Digital Intellectuals'

Digitale Perspektiven: Einführende Bemerkungen

Michael Rohrschneider

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Der fast schon toposartige Hinweis darauf, dass die Transformationen des digitalen Zeitalters der Geschichtswissenschaft in vielen Bereichen substanzielle neue Perspektiven bieten, zählt inzwischen zu den Befunden der jüngeren Forschung, die kaum mehr infrage gestellt werden. [1] Die drei Beiträge der Sektion "Digital Intellectuals" verdeutlichen, dass dies uneingeschränkt auch für die Erforschung der Intellektuellengeschichte gilt.

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Zentraler gemeinsamer Nenner der drei Fallstudien ist die generelle Frage, ob und inwiefern die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters für die Erforschung der Genese des modernen 'public intellectual' nutzbar sind. In diesem Zusammenhang ist zunächst besonders bemerkenswert, dass alle drei AutorInnen zu dem Ergebnis gelangen, dass die von ihnen untersuchten Personen bzw. Personengruppen unter gewissen definitorischen Voraussetzungen als 'Intellektuelle' bezeichnet werden können, obwohl der Begriff ‒ bezogen auf den gewählten Untersuchungsgegenstand und mit Blick auf die gemeinhin als Geburtsstunde des modernen Intellektuellen geltende Dreyfus-Affäre ‒ als Terminus technicus avant la lettre bezeichnet werden muss.

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So gelangt Anne Baillot in ihrem Beitrag über die spezifische Beschaffenheit der Situation in Berlin um 1800 in der Frage, ob es den Typus des Intellektuellen dort gegeben habe, zu einem dezidierten Ja ‒ allerdings unter "der Prämisse einer fehlenden selbstreflexiven Bezeichnung" [2] der von ihr untersuchten Akteure als 'Intellektuelle'. Auch Rebecca van Koert und Michael Rohrschneider befürworten in ihren Studien die Verwendung des Intellektuellenbegriffs für die Zeit vor Émile Zola. Van Koert konstatiert, dass bei Verwendung einer weiten Definition (im Sinne von Isabella von Treskow) [3] auch frühneuzeitliche Gelehrte unter den Begriff 'Intellektuelle' subsumiert werden können, während Rohrschneider am Beispiel des Friedrich von Gentz aufzeigt, dass auch dieser bedeutende Publizist und Politiker der "Sattelzeit" zumindest vor seinem Eintritt in österreichische Dienste (1802) sowohl im Hinblick auf sein Selbstverständnis als auch hinsichtlich seiner Tätigkeit als politischer Schriftsteller letztlich als Intellektueller zu qualifizieren ist. Inhaltlicher Nukleus einer solchen Verortung wäre dann allerdings, das Politische als Wesensmerkmal von Intellektualität anzusehen.

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Ausgehend von unterschiedlichen Quellenkorpora demonstrieren die drei AutorInnen in exemplarischer Weise die Chancen, die das digitale Zeitalter bietet, um die Erforschung der Entwicklung des neuzeitlichen 'public intellectual' voranzutreiben. Anne Baillot bilanziert Ergebnisse des von ihr geleiteten Forschungsvorhabens "Berliner Intellektuelle 1800-1830", dem es mittels einer digitalen Edition von vielfältigen Quellen (Briefe, literarische Texte, Protokolle, Rezensionen usw.) gelungen ist, das Berliner Intellektuellenmilieu der Zeitenwende um 1800 zu rekonstruieren. Sie verweist in ihrem Beitrag unter anderem auf das große Potenzial von Netzwerkvisualisierungen als einer besonders weiterführenden Art der Auswertung digitaler Daten sowie auf den erheblichen wissenschaftlichen Mehrwert, der sich durch die Verknüpfung der eigenen Editions- und Erschließungstätigkeit mit externen Ressourcen und anderen Projekten generieren lässt.

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Rebecca van Koert widmet sich in ihrem Beitrag der Quellengattung Ego-Dokumente bzw. Selbstzeugnisse. Auch für diese Quellengruppe(n) liegt inzwischen ein reichhaltiges digitales Angebot vor, das in großen Teilen noch der Auswertung harrt. Van Koert zeigt anhand von ausgewählten Datenbanken und digitalen Editionen, dass solche Vorhaben maßgeblich dazu beitragen können, nicht nur die anhaltende Forschungsdiskussion über Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse mit neuem Material und zusätzlichen Hilfsmitteln zu bereichern, sondern dass sie zugleich auch neue Impulse dafür liefern könnten, den Terminus 'Intellektuelle' fächerübergreifend und konsensual zu definieren.

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Michael Rohrschneider demonstriert anhand des Kölner Forschungsprojekts "Gentz digital", wie umfangreiche Briefkorpora digital erschlossen und der Forschung zahlreiche Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden können, die gezielt die Vorteile des digitalen Mediums nutzen. Hierzu zählen unterschiedliche Zugriffsmöglichkeiten wie Register, Übersichten mit 'clouds' sowie diverse Suchfunktionen, die es leicht ermöglichen, zum Beispiel semantische Studien oder konkrete Recherchen (Personen, Orte, Quellen, Literatur usw.) vorzunehmen, und zwar nach dem Prinzip des Open Access!

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Zugleich lassen die drei Beiträge der Sektion aber auch erkennen, dass das digitale Potenzial solcher Forschungsvorhaben bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Hier bedarf es nicht zuletzt finanzieller Ressourcen, die es ermöglichen, auch über längere Zeiträume hinweg konzeptionell, editorisch sorgfältig und auf Grundlage fester, fächerübergreifender Standards arbeiten zu können. Nur so lässt sich vermeiden, dass 'Insellösungen' entstehen, die zwar individuellen Charme besitzen, aber langfristig gesehen den Erfordernissen von ökonomischer Ressourcennutzung, Vernetzbarkeit und Nachhaltigkeit nicht gerecht werden. Auch und gerade vor diesem Hintergrund bleibt das digitale Zeitalter für die Forschung generell eine ständige Herausforderung. Die hier präsentierten Beiträge zu den 'Digital Intellectuals' lassen dies in aller Deutlichkeit erkennen.

Anmerkungen

[1] Anhand von digitalen Editionen demonstriert dies eindrucksvoll Patrick Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels, 3 Bde. (= Schriften des Instituts für Dokumentologie und Editorik 7-9), Norderstedt 2013; Online-Version: Bd. 1: urn:nbn:de:hbz:38-53510; Bd. 2: urn:nbn:de:hbz:38-53523; Bd. 3: urn:nbn:de:hbz:38-53534 <06.12.2015>.

[2] Vgl. den Beitrag von Anne Baillot.

[3] Vgl. Isabella von Treskow: Geschichte der Intellektuellen in der Frühen Neuzeit. Standpunkte und Perspektiven der Forschung, in: Luise Schorn-Schütte (Hg.): Intellektuelle in der Frühen Neuzeit (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel 38), Berlin 2010, 15-32, hier: 20-28.

Empfohlene Zitierweise
Michael Rohrschneider, Digitale Perspektiven: Einführende Bemerkungen, aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/virtuosen-der-oeffentlichkeit/digital-intellectuals/digitale-perspektiven/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 12.04.2016

Zuletzt geändert: 08.07.2016