Die Revolution kehrt zurück – "Le Constitutionnel", die Pariser Presse und Friedrich von Gentz (1815-1830)

Monarchie und Revolution

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Die Entwicklungen in den Staaten des Deutschen Bundes fanden besonders im Jahr 1819 breite Aufmerksamkeit. Gegen Étiennes in der "Minerve" vorgetragene Kritik an den Karlsbader Beschlüssen sowie gegen verschiedene Artikel des "Constitutionnel" richtete Gentz seine grundsätzliche Erwiderung, die Ende November im "Österreichischen Beobachter" und wenig später auch in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" erschien. [1] Die tatsächlich zahlreichen Artikel des "Constitutionnel" [2] hatten zuvor nicht nur über repressive Maßnahmen der Einzelstaaten des Deutschen Bundes berichtet, sondern auch die Bedrohung der Souveränität dieser Einzelstaaten durch das erdrückende Anwachsen des preußischen wie österreichischen Einflusses beklagt und das absehbare Ende der Pressefreiheit, Konflikte zwischen Studenten und Soldaten (etwa in Kiel) sowie Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung (Auswirkungen der sogenannten "Hep-Hep"-Pogrome) bedauert. In der Ausgabe vom 6. Oktober 1819 war der Bogen nach Frankreich geschlagen worden, wo royalistische Kreise angesichts der Lage in Deutschland nach Meinung der Redakteure über einen "odeur de 1815" frohlockten und sich der preußisch-österreichischen Diplomatie freudig zu unterwerfen anschickten. [3]

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Zahlreiche Äußerungen im "Constitutionnel" belegen ein breites Interesse für die deutschen Zustände. Jean-Baptiste Berton, napoleonischer General und Repräsentant einer bonapartistischen Komponente der Leserschaft, regte im "Constitutionnel" an, Ludwig XVIII. solle in Reaktion auf die Karlsbader Beschlüsse die französische Armee zur Verteidigung der "Charte" (also der 1814 gewährten Verfassung) aufrufen. [4] Berichtet wurde auch über Joseph Görres, der im Vorfeld seines französischen Exils erfolglos gegen die Beschlagnahmung seiner Schrift "De l'Allemagne et de la Révolution" klagte. [5] Wilhelm von Humboldt, "frère du célèbre voyageur", wurde als Autor einer Denkschrift gegen die Einrichtung der Zentraluntersuchungskommission in Mainz genannt, die der preußische König Friedrich Wilhelm III. sogar dem Wiener Hof habe zukommen lassen. [6] Die Entlassung des Berliner Professors der Theologie Wilhelm De Wette wurde ebenso kritisiert [7] wie die Anfänge einer repressiven Universitätspolitik, die deutsche Studenten dazu gezwungen habe, sich in die Schweiz zu begeben, um am 18. Oktober 1819 den Zweijahrestag des Wartburgfestes zu begehen. [8] Wie allein diese wenigen Beispiele zeigen, stand die Tendenz der Berichterstattung im "Constitutionnel" zu den Auffassungen Gentz', der sich gerade zum Wartburgfest scharf ablehnend geäußert hatte, im größten Gegensatz. [9]

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Auch die Geschehnisse im übrigen Europa wurden zum Gegenstand divergenter Berichterstattung. Die Intervention der französischen Armee zugunsten Ferdinands VII. von Spanien wurde im "Constitutionnel" überaus kritisch bewertet. Im Wortlaut abgedruckt wurden die Warnungen des vormaligen französischen Außenministers Talleyrand vor den politischen Folgen eines militärischen Abenteuers sowie zahlreiche Parteinahmen für die liberale Opposition gegen Ferdinand VII. [10] Entsprechende Schwerpunktsetzungen sind auch für die Berichterstattung über die Unruhen in Neapel und den Beginn der griechischen Rebellion unverkennbar und charakterisieren den "Constitutionnel" als umfassenden Kritiker des europäischen Legitimismus.

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Als treibende Kraft der Gegenrevolution galt den Autoren des "Constitutionnel" bald der 1814 von Papst Pius VII. wiederhergestellte Jesuitenorden, dem man einen nicht unmaßgeblichen Einfluss auf das Umfeld des Thronfolgers zuschrieb. Im Oktober 1819 berichtete der "Constitutionnel" von der Absicht der "Societas Jesu", eine Niederlassung in der Rue de la Féronnerie einzurichten, "précisément devant l'endroit où Henri IV est tombé sous le couteau du révérend père Ravaillac". [11] Ein historisierender Leitartikel sah im folgenden Monat die direkte Verantwortung der Jesuiten nicht nur für die Ermordung Heinrichs IV., sondern auch die Zerstörung von Port-Royal 1709, das Damiens-Attentat von 1757, den Mordanschlag (irreführend ist sogar von "assassinat" / "Ermordung" die Rede) von Portugal 1758 usw. [12] Skeptische Stellungnahmen betrafen darüber hinaus allgemeine Tendenzen einer angeblichen Rekatholisierung Frankreichs im Zeichen nationaler Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Revolution oder der behördlichen Erfassung protestantischer Bevölkerungsgruppen.

Anmerkungen

[1] Vgl. Friedrich von Gentz: Französische Kritik der deutschen Bundesbeschlüsse von 1819, in: Gustav Schlesier (Hg.): Schriften von Friedrich von Gentz. Ein Denkmal, 3. Teil, Mannheim 1839, ND Hildesheim / Zürich / New York 2002, 182-203. Siehe hierzu auch Bernd Klesmann: Gentz als publizistischer Gegner, <4>.

[2] Dichte Folge von Meldungen aus Frankfurt, teilweise auch aus Heidelberg und Stuttgart: "Le Constitionnel", Nr. 271, Montag 27.9.1819, 1; Nr. 273, Mittwoch 29.9., 2; Nr. 277, Sonntag 3.10., 2f.; Nr. 278, Montag 4.10., 1f.; Nr. 279, Dienstag 5.10., 1; Nr. 280, Mittwoch 6.10., 1; Nr. 282, Freitag 8.10., 1f.; Nr. 283, Samstag 9.10., 1f.; Nr. 284, Sonntag 10.10., 1f. usw.; ab Nr. 285, Montag 11.10.1819, wird die Lage in Deutschland teilweise auch als beunruhigendes Szenario für Frankreich und ganz Europa unter der Rubrik "Intérieur / Paris" kommentiert.

[3] "Le Constitutionnel", Nr. 280, Mittwoch 6.10.1819, 2f.

[4] Leserbrief Berton, "Le Constitutionnel", Nr. 294, Mittwoch 20.10.1819, 2f. Der Autor wurde im Herbst 1822 wegen der Beteiligung an einer militärischen Rebellion in Westfrankreich hingerichtet.

[5] Vgl. "Le Constitutionnel", Nr. 292, Montag 18.10.1819, 2; Joseph Görres: Teutschland und die Revolution, Koblenz 1819; vgl. hierzu Esther-Beate Körber: Görres und die Revolution: Wandlungen ihres Begriffs und ihrer Wertung in seinem Weltbild 1793 bis 1819, Husum 1986.

[6] "Le Constitutionnel", Nr. 295, Donnerstag 21.10.1819, 1.

[7] Vgl. "Le Constitutionnel", Nr. 296, Freitag 22.10.1819, 1.

[8] Vgl. "Le Constitutionnel", Nr. 297, Samstag 23.10.1819, 1.

[9] Vgl. Friedrich von Gentz: Ueber den zweiten Pariser Frieden und gegen Görres, in: Schlesier (Hg.): Schriften (wie Anm. 1), 2. Teil, Mannheim 1838, ND Hildesheim / Zürich / New York 2002, 399-431, wo Gentz sich u.a. gegen die von Görres erhobene Forderung nach Annexion des Elsasses und Lothringens unter Berufung auf Völkerrecht und Staatsklugheit verwahrte; ders.: Ueber das Wartburgfest, in: ebd., 3. Teil, 24-44.

[10] Vgl. "Le Constitutionnel", Nr. 38, Freitag 7.2.1823; Emilio La Parra: Ferdinand VII: un symbole de la Restauration européenne?, in: Jean-Claude Caron / Jean-Philippe Luis (Hg.): Rien appris, rien oublié? Les Restaurations dans l'Europe postnapoléonienne (1814-1830), Rennes 2015, 223-230.

[11] "Le Constitutionnel", Nr. 286, Dienstag 12.10.1819, 2.

[12] "Le Constitutionnel", Nr. 311, Samstag 6.11.1819, 2.

Empfohlene Zitierweise
Bernd Klesmann, Die Revolution kehrt zurück – "Le Constitutionnel", die Pariser Presse und Friedrich von Gentz (1815-1830): Monarchie und Revolution, aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/epublished/virtuosen-der-oeffentlichkeit/intellektuelle-akteure-in-europaeischen-zentren/die-revolution-kehrt-zurueck-le-constitutionnel-die-pariser-presse-und-friedrich-von-gentz-1815-1830/monarchie-und-revolution/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 11.04.2016

Zuletzt geändert: 24.01.2017