Leitfaden für das Studium der Mittelalterlichen Geschichte

Idealtypischer Aufbau einer mittelalterlichen Königsurkunde

Protokoll

1. Invocatio: Anrufung Gottes (z.B. in nomine sanctae et individuae trinitatis).

2. Intitulatio: Ausstellernennung (Name und Titel); oft in Verbindung mit einer Devo­tionsformel (z.B. dei gratia; divina favente clementia; servus servorum dei).

3. Inscriptio: Nennung des Empfängers; oft verbunden mit einer Grußformel (Salutatio); die Inscriptio kann zum Teil zugunsten der Promulgatio wegfallen.

Kontext

1. Arenga: feierliche Eröffnung des Hauptteils, nicht rechtserheblich; zumeist stark rhetorisch gehalten und oft an Bibeltexte angelehnt.

2. Promulgatio/Publicatio: Verkündigungsformel; oft an eine größere Öffent­lichkeit gerichtet (z.B. notum sit; notum fieri volumus; kund si).

3. Narratio: Darstellung der Umstände, die der Rechtshandlung und ihrer Beurkundung vorausgingen bzw. diese veranlassten; evtl. Hinweise auf Vorurkunden. Eingeschoben werden hier z.T.:

    a) Petitionsformel: Erwähnung einer oder mehrerer Personen, die um Ausstellung der Urkunde bitten (z.B. … petierunt …). Die Bittsteller werden auch „Petenten“ genannt.

    b) Interventionsformel: Nennung von Fürsprechern (z.B. ob interventum …); weist auf einflussreiche Personen im Umkreis des Ausstellers hin. Die Fürsprecher werden auch „Intervenienten“ genannt.

4. Dispositio: eigentlicher Kern der Urkunde, in dem der Rechtsvorgang an sich dargelegt wird; oft mit Beurkundungsbefehl (z.B. scribi iussimus).

5. Sanctio (mit Poenformel): formelhafte Anordnung von weltlichen oder geistlichen Strafen für den Fall der Nichteinhaltung des gesetzten Rechts (z.B. Si quis … praesumpserit, sit debitor X auri talentum ad …).

6. Corroboratio: Angabe des Beglaubigungsmittels einer Urkunde, z.B. Siegelbefehl, evtl. Nennung der Zeugen – zuerst die Geistlichen, anschließend Laien nach ihrem jeweiligen Rang (z.B. hanc constitutionem corroboramus …; testes interfuerunt …).

Eschatokoll

1. Subscriptio: Eigenhändige oder – öfter – nicht eigenhändige „Unterzeichnungen“ des Ausstellers, des Kanzleipersonals, der Zeugen; oft enthalten sind:

    a) Signumzeile: Verweis auf das Herrschermonogramm, das daneben ausgeführt ist und anstelle der eigenhändigen Unterschrift des Herrschers steht.

    b) Rekognitionszeile: Formel der Gegenzeichnung durch den leitenden Kanzleimitarbeiter bzw. dessen Vertreter (z.B. ego X. cancellarius vice Y archicancellarii … recognovi et subscripsi); hier erscheint das sog. Rekognitionszeichen.

2. Datierung: Angabe von Ort und Datum der Ausstellung, z.T. unterschieden in actum (verhandelt) und datum (gegeben, beurkundet); häufig werden Herrscherjahre und Indiktion hinzugefügt.

3. Apprecatio: formelhafter Segenswunsch am Schluss der Urkunde (z.B. in nomine dei feliciter amen; bene valete).

Empfohlene Zitierweise
Anja Ute Blode, Nina Kühnle, Dominik Waßenhoven, Leitfaden für das Studium der Mittelalterlichen Geschichte: Idealtypischer Aufbau einer mittelalterlichen Königsurkunde, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/etutorials/leitfaden-mittelalter/diplomatik/aufbau/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 17.03.2015

Zuletzt geändert: 22.05.2015