Leitfaden für das Studium der Mittelalterlichen Geschichte

Kritische Editionen

Da der Buchdruck mit beweglichen Lettern erst um 1450 erfunden wurde, sind fast alle Texte, die aus dem Mittelalter stammen, von Hand geschrieben. Auch die Vervielfältigung und Tradierung erfolgte handschriftlich. Daraus ergeben sich für die heutige Verwendung drei Hauptprobleme: Wer die Originale lesen will, muss nicht nur über solide Kenntnisse älterer Sprach(form)en verfügen – vor allem (Mittel-)Latein und Mittelhoch- bzw. Mittelniederdeutsch –, sondern dazu auch paläographisch geschult sein. Und bei Mehrfachüberlieferung wird der Aufwand, alle Originale an ihren verschiedenen Lageorten einzusehen und zu vergleichen, unter Umständen enorm.

Mit den sogenannten kritischen Editionen ist dem Historiker daher ein äußerst wertvolles Werkzeug an die Hand gegeben, das zahlreiche Vorteile mit sich bringt:

  • Lesbarkeit:

      In den kritischen Editionen werden die handschriftlich überlieferten Texte in heutige Lettern übertragen (= transkribiert). Gleichzeitig lösen die Herausgeber dabei auch die vielen Kürzungen im Originaltext auf, die verwendet wurden, um den kostbaren Beschreibstoff (meist Pergament) zu sparen.

  • Rekonstruktion des Editionstextes aus der verfügbaren Überlieferung:

      Die kritischen Editionen bedienen sich nicht nur des Textes eines einzigen Überlieferungsträgers, sondern zeigen in Fußnoten die textlichen Abweichungen anderer Überlieferungsträger an. Der Editionstext vermag somit in Kombination mit diesen Abweichungen (= Lesarten, Varianten) einen Überblick über die gesamte verfügbare Überlieferung zu geben. Außerdem wurden im Lauf der Zeit Methoden entwickelt, mithilfe derer sich der aus Fortführungen und Überschreibungen herausgefilterte ursprüngliche Wortlaut des Textes rekonstruieren lässt.

  • Zugänglichkeit:

      Die kritische Edition ermöglicht es folglich ihrem Nutzer, die mehrfache und möglicherweise über die ganze Welt verstreute Überlieferung eines Textes mittels eines Buches zu überblicken, das bequem in der Institutsbibliothek eingesehen werden kann oder sogar als Digitalisat online zur Verfügung steht.

Empfohlene Zitierweise
Anja Ute Blode, Nina Kühnle, Dominik Waßenhoven, Leitfaden für das Studium der Mittelalterlichen Geschichte: Kritische Editionen, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/etutorials/leitfaden-mittelalter/kritische-editionen/?L=1 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 17.03.2015

Zuletzt geändert: 15.01.2017