Tutorium Augustanum

Kategorien von Quellen

Die Theorie hat sich immer wieder bemüht, die einzelnen Quellen in ein systematisches Schema zu ordnen. Denkbar sind folgende Kriterien:

  1. Schriftlichkeit:

    1. schriftlose Quellen, Dingquellen:

      1. gegenständliche Quellen: Gebäude, Waffen, Schmuck, Gefäße, Geländeformen usw.

      2. abstrakte Quellen: Institutionen, Sprachen, Sitten usw.

    2. schriftliche Quellen: Literatur, Inschriften, Münzen, Akten usw.

Die Unterscheidung in schriftlose und schriftliche Quellen wirkt auf den ersten Blick überzeugend, ist aber praktisch wenig hilfreich. Institutionen, Sprachen und Sitten der antiken Welt sind für uns nur über gegenständliche und schriftliche Quellen fassbar, von daher weniger Quelle als Untersuchungsgegenstand. Vor allem aber haben viele schriftliche Quellen einen ausgesprochenen Dingcharakter, z. B. Münzen und Inschriften, die ja niemals für sich stehen, sondern in den Kontext eines spezifischen Monumentes gehören. Es wäre geradezu fatal, hier den Text als „schriftliche Quelle“ isoliert zu betrachten.

  1. Zeitstellung:

    1. Primärquellen/unmittelbare Überlieferung: alle Zeugnisse, die unmittelbar als Teil des historischen Prozesses selbst entstanden sind.
      Beispiele: Sachquellen, Inschriften, Briefe, Flugschriften, Reden.
      Bereits die Summe aller Primärquellen bildet die Vergangenheit nicht mehr lückenlos ab, da viele Bestandteile der Vergangenheit keinen Niederschlag in Objekten finden (Worte, Gesten!). Die Überlieferung und Bewahrung der Primärquellen ist darüber hinaus abhängig von zufälligen und gegenwartsbestimmten Faktoren (Naturkatastrophen, Brände, Archivwesen, Nutzen/Bedeutung eines Objektes für die Gegenwart als Kriterium für Bewahrung bzw. Vernichtung). Die Summe der Primärquellen liefert daher nur ein fragmenthaftes Bild der Vergangenheit. Aufgrund der allgemeinen Quellenarmut im Bereich der Alten Geschichte ergibt sich hier aus den uns noch erhaltenen Primärquellen ein äußerst lückenhaftes Bild, aus dem sich eine dynamische Verlaufsgeschichte kaum gewinnen ließe.
      VORSICHT!!! Keineswegs sind Primärquellen a priori zuverlässiger als Sekundärquellen, denn als Traditionsquellen können sie ausgesprochen tendenziösen Charakter haben (s. u.). So gibt z. B. das SC de Cn. Pisone patre im Vergleich mit dem Bericht des Tacitus eine andere, keineswegs aber eine objektivere Perspektive auf die Ereignisse um den Tod des Germanicus.

    2. Sekundärquellen/mittelbare Überlieferung: alle Zeugnisse, die aus einer gewissen Distanz heraus eine bestimmte Vergangenheit auf Grundlage von Erinnerungen/mündlicher Tradition und Primärquellen darzustellen versuchen.
      Beispiele: Geschichtsschreibung, Biographien.
      Sekundärquellen sind bereits Produkt eines vom historischen Prozess unterschiedenen Deutungsvorganges (Auswahl aus einer Fülle vorhandener Primärquellen!) und von daher ein Konstrukt. Ergebnis dieses Vorganges der Geschichts-Schreibung ist die „Geschichte“, die von der unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit zu differenzieren ist, die nur noch fragmentarisch über die Primärquellen fassbar ist. Sekundärquellen sind von daher strukturell eigentlich dasselbe wie moderne Sekundärliteratur, Tacitus verhält sich als Deuter im Verhältnis zur dargestellten Vergangenheit der Zeit des Augustus nicht anders als etwa Ronald Syme. Wenn wir dennoch die literarische Überlieferung der Antike als Quellen benutzen und bezeichnen, so hat dies seinen Grund darin, dass viele z. B. dem Tacitus noch greifbare Primärquellen für uns nur noch in ihrer Verarbeitung im Werk dieses antiken Historikers greifbar sind. Aus dieser Sachlage folgt ein Spezifikum der Alten Geschichte: Mehr als in anderen historischen Teildisziplinen ist die Vergangenheit für den Althistoriker nur in der doppelten Brechung durch Primär- und Sekundärquellen fassbar. Die antiken Schriftsteller treten als Medien zwischen die Vergangenheit und die Gegenwart. Von daher ist die Alte Geschichte in der modernen Mediengesellschaft wieder sehr relevant, da sie gerade die kritische Dekonstruktion medialer Darstellungen als wesentliche Methode anwendet.

  2. Intentionalität/Reflexionsebene:

    1. Überreste, unwillkürliche Quellen: Texte oder Objekte, die von ihren Urhebern zunächst nur für die eigene Gegenwart bestimmt waren, deren Überlieferung und erinnerungsüberliefernde Funktion also nicht der Intention des Urhebers entspricht.
      Beispiele: Privatbriefe (nicht aber literarische bzw. offene Briefe!), Alltagsgegenstände (Müll!), Verwaltungsakten.

    2. Tradition, willkürliche Quellen: Texte oder Objekte, die von ihren Urhebern von vornherein als historische Überlieferungsträger bestimmt waren.
      Beispiele: Geschichtsschreibung, Autobiographien, Grabinschriften.

Die Unterscheidung zwischen Überrest und Tradition geht auf den großen Historiker Johann G. Droysen zurück und ist für die Beurteilung einer Quelle von hoher Bedeutung. Denn Traditionsquellen wollen per definitionem Erinnerung aktiv gestalten, die Gefahr von subjektiven Verzerrungen ist daher besonders groß. Freilich kann auch eine unwillkürlich überlieferte Quelle Sachverhalte falsch wiedergeben, um Eigeninteressen zu bedienen (z. B. in einer Gerichtsrede oder einem politischen Pamphlet). Schlicht falsch ist daher folgende Aussage in einer großen Online-Enzyklopädie: „Der Vorteil der Überreste für die Quellenkritik […] ist, dass sie nicht ein durch Absicht verfälschtes Bild liefern.“ Insbesondere ist auch zu beachten, dass Dokumente (z. B. Gesetze, Edikte) oft normativen Charakter haben, also nur beschreiben, wie ein Sachverhalt geregelt werden soll, aber keine Beschreibung der realen Verhältnisse geben.

VORSICHT!!! Viele Quellen können – je nach Fragestellung – Primär- und Sekundärquelle, Überrest und Tradition sein. Im Hinblick etwa auf die Herrschaft des Augustus ist die „Römische Geschichte“ des Cassius Dio Tradition, ebenso im Hinblick auf die eigene Lebenszeit. Im Rahmen einer Untersuchung über die politischen Wertmaßstäbe der römischen Reichsaristokratie zu Beginn des 3. Jh. aber hätte dasselbe Werk als Überrest zu gelten. Gleichzeitig ist Cassius Dio in Bezug auf die Herrschaft des Augustus Sekundärquelle, für die ebenfalls dargestellte selbst erlebte Zeitgeschichte der Severerzeit jedoch Primärquelle. Eine Münze ist einerseits Überrest, insofern sie etwa die Annahme eines Siegerbeinamens durch einen römischen Kaiser dokumentiert, und damit eine kriegerische Aktion chronologisch festlegt; andererseits ist dieselbe Münze aber auch Traditionsquelle, da sie die Einfügung dieser Kampfhandlung in die allgemeine historische Erinnerung als kaiserlicher Erfolg zu erreichen sucht – eine möglicherweise den Tatsachen diametral zuwider laufende Wertung. Doch gerade in solchen differenzierenden Erwägungen erweist sich die Intentionalität als ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung einer Quelle.

Aus den genannten Beispielen folgt eine wichtige Erkenntnis: Eine Quelle ist niemals aus sich selbst heraus einer bestimmten Quellenkategorie zugehörig und sie ist niemals an sich wertvoll oder wertlos, glaubwürdig oder unglaubwürdig. Derartige Aussagen können immer nur in Bezug auf definierte Fragestellungen getroffen werden.

Empfohlene Zitierweise
Andreas Hartmann, Tutorium Augustanum: Kategorien von Quellen, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/etutorials/tutorial-alte-geschichte/methodik-der-quellenkritik/kategorien-von-quellen/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 22.05.2015