Tutorium Augustanum

Gegenstand und Einführungen

Münze und Geld sind keine austauschbaren Begriffe. Es gibt Geldformen, die keine Münze sind, und nicht jede Münze hat zwangsläufig die Funktion "Geld". Gerade die ersten nachweisbaren Münzen aus der 2. Hälfte des 7. Jh. v. Chr. bestehen aus Elektron, einer natürlich vorkommenden Mischung aus Gold und Silber, und sind daher in ihrem Material- und damit Tauschwert schwer zu bestimmen. Als Zahlungsmittel waren sie deshalb schlecht geeignet. Die bereits in der Antike vorgetragene, rationalistische Erklärung des Aufkommens der Geldwirtschaft als Folge ökonomischer Notwendigkeiten (transportables Tauschmittel für Händler) greift also möglicherweise zu kurz. Ob antike Münzen Wert- oder Kreditgeld darstellten, ist ebenfalls nicht völlig zu klären. Spätestens zu Zeiten von Münzverschlechterungen mussten die Münzen zumindest gegenüber dem Staat zu ihrem Nennwert, nicht ihrem Materialwert in Zahlung genommen werden. Man sieht also, dass schon grundlegende numismatische Fragestellungen sehr schnell auch in Kernbereiche der Wirtschaftsgeschichte führen.

Aber auch für die politische Geschichte sind Münzen außerordentlich wichtige Quellen. Gegenüber anderen althistorischen Quellen haben sie drei entscheidende Vorteile:

  1. Die Münzemissionen der Antike sind uns aufgrund der großen Zahl ursprünglich hergestellter Einzelexemplare verhältnismäßig vollständig dokumentiert. Keine Gattung von Primärquellen ist uns so vollständig erhalten wie die Münzen.
  2. Münzen sind oftmals durch die Nennung des Münzherren relativ gut datierbar. Gleichwohl ist die chronologische Einordnung vieler Münztypen nur durch Kombination mit aus anderen Quellengattungen gewonnenen Informationen möglich, denn eine genaue Angabe des Prägejahres ist auf antiken Emissionen selten und wurde erst in der Neuzeit üblich.
  3. Münzen sind Primärquellen und aufgrund ihrer exklusiven Herstellung in offiziellen Münzstätten von großer Authentizität. Dies trifft selbst auf Inschriften nicht oft zu, da diese oft nur eine vom Begünstigten bezahlte und initiierte Abschrift des eigentlichen, offiziellen Dokumentes darstellen (z. B. bei Kaiserbriefen).

Münzen können daher Auskunft geben über

  • die Datierung bestimmter Ereignisse.
    Beispiele: Der Kaiser X nimmt nach Ausweis einer durch die Titulatur eindeutig datierten Münze im Jahr Y den Siegerbeinamen GERMANICVS an. Damit kann man in den literarischen Quellen nicht genau datierte Auseinandersetzungen mit germanischen Stämmen in das Jahr Y datieren. (VORSICHT!!! Oftmals muss umgekehrt ein bestimmter Münztyp durch Bezug auf in den literarischen Quellen erwähnte Ereignisse erst datiert werden. Es kann sich also bei der Heranziehung numismatischer Evidenzen die Gefahr eines Zirkelschlusses ergeben! Daher immer kritisch prüfen, worauf die in der Literatur gegebene Datierung einer Münze beruht!)
    Ein Hortfund in der Nähe der ehemaligen Reichsgrenze datiert nach der jüngsten enthaltenen Münze in das Jahr Z. Ein Zusammenhang mit einem schemenhaft überlieferten Barbareneinfall kann hergestellt werden. (VORSICHT!!! Natürlich kann der Münzschatz auch aus ganz anderen Gründen deponiert worden sein.)
  • die offizielle Herrschaftsideologie (Legenden, Revers-Typen).
    Beispiel: Der Diadochenherrscher X prägt Münzen mit dem Bildnis Alexanders d. Gr. auf dem Avers. Offensichtlich ist dieser Bezug ein wichtiger Teil seiner Legitimation als Herrscher.
  • den Zustand der Staatsfinanzen.
    Beispiel: Der Kaiser X hat gerade seinen Vorgänger Y ausgeschaltet und muss jetzt die Armee mit einem Geldgeschenk (Donativ) auf seine Seite ziehen. Da Y bereits dasselbe getan hat, ist die Kasse aber leider schon leer. Also muss das noch vorhandene Edelmetall für die Prägung gestreckt werden, indem entweder das Gewicht der Münzen (Schrot) oder der Feingehalt (Korn) abgesenkt wird. Eine Münzverschlechterung tritt ein, und die Menschen beginnen, alte Münzen zu horten (Grashamsches Gesetz).
  • Truppenaufmärsche.
    Beispiel: Der Kaiser X plant einen Partherkrieg, der seine herrscherliche Sieghaftigkeit (virtus imperatoria) unter Beweis stellen soll, um seine Kritiker im Senat verstummen zu lassen. Er zieht in Kleinasien große Truppenverbände zusammen. Die dortigen Städte kurbeln die Münzprägung an, damit auf den Märkten ausreichend Wechselgeld zur Verfügung steht.
  • Handelsbeziehungen.
    Beispiel: Römische Münzen werden in Indien gefunden. Offensichtlich bestanden Handelskontakte, wenigstens über Zwischenhändler.
  • diplomatische Beziehungen/Kriegszüge.
    Beispiel: Außerhalb der ehemaligen Reichsgrenzen wird eine große Menge an römischen Münzen gefunden. Sie könnten entweder als Subsidienzahlung/Tribut oder als Beutegut dorthin gelangt sein.
  • und vieles andere.

Im Folgenden kann keine Einführung in den Gesamtbereich der Numismatik gegeben werden. Einen kompakten Überblick über die Entwicklung der Münzprägung in Griechenland und Rom, jedoch keine Einführung in die Methoden der Numismatik bieten:

  1. Crawford, Michael: Numismatics, in: Crawford, Michael (Hg.): Sources for ancient history (= The sources of history. Studies in the uses of historical evidence), Cambridge 1983, S. 185-233.
    Erläutert den Wert von Münzen als Quelle für den Althistoriker.
  2. Cahn, Herbert A.: Griechische Numismatik, in: Nesselrath, Heinz-Günther (Hg.): Einleitung in die griechische Philologie (= Einleitung in die Altertumswissenschaft), Stuttgart 1997, S. 694-707.
  3. Kaenel, Hans-Markus v.: Römische Numismatik, in: Graf, Fritz (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie (= Einleitung in die Altertumswissenschaft), Stuttgart u. a. 1997, S. 670-696.
    Dieser und der vorgenannte Beitrag bieten jeweils äußerst geraffte Überblicke über die antike Münzprägung mit einigen Abbildungen. Geeignet vor allem für eine erste Schnellorientierung.
  4. Rebuffat, François: La monnaie dans l’antiquité (= Antiquité / Synthèses 5), Paris 1996.
  5. Panvini Rosati, Francesco (Hg.): La moneta greca e romana (= Storia della moneta 1), Rom 2000.
    Knapper, gut illustrierter Überblick über die antike Münzprägung. Als Bildband zum "Einschauen" gut geeignet.

Auch im Internet stehen einige empfehlenswerte Abrisse zur Verfügung, die auf Fachbegriffe und Methoden der Numismatik eingehen:

  1. Sear, David R.: Eight hundred years of Roman coinage: http://www.chicagocoinclub.org/projects/PiN/rc.html.
    In Sammlerkreisen rangieren die von Sear betreuten Handbücher gleich nach der Bibel. Ein kompetenter Überblick über das römische Münzwesen mit etlichen Abbildungen.
  2. Smith, Douglas: Describing Ancient Coins: http://www.forumancientcoins.com/dougsmith.
    Einführung in Münzwesen und numismatische Fachbegriffe mit hervorragenden Illustrationen. Überhaupt ist http://dougsmith.ancients.info eine schier unerschöpfliche numismatische Fundgrube, bis hin zu Anleitungen für das professionelle Photographieren von Münzen mit einer Digitalkamera.
  3. Introduction to Roman Coins: http://numismatics.org/html/dpubs/romangeneral.
    Einführung der American Numismatic Society mit exzellenten Abbildungen.
  4. Bearers of Meaning: http://www.lawrence.edu/dept/art/buerger/index.html.
    Präsentation der Sammlung Ottilia Buerger an der Lawrence University. Dem Katalog gehen umfangreiche Einführungsartikel zum antiken Münzwesen voraus. Besonders hilfreich ist die Verlinkung zwischen diesen Artikeln und den Katalogstücken. Unbedingt anschauen!
  5. Introduction to numismatic terms and methods: http://numismatics.org/html/dpubs/termsandmethods.
    Begleitlektüre zu den Seminaren der American Numismatic Society. Macht in exzerpthafter Kürze mit den wichtigsten Fachbegriffen vertraut.

Eine intelligente Einführung in aktuelle Forschungstendenzen und die Möglichkeiten, Münzen als Quelle für den Historiker nutzbar zu machen, gibt:

Howgego, Christopher J.: Ancient history from coins (= Approaching the ancient world), London/New York 1995.
Mit starker geldgeschichtlicher Schwerpunktsetzung. Mittlerweile auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Geld in der antiken Welt" erhältlich (2. bibliogr. aktual. Aufl. 2011).

Etwas konkreter und für den Einstieg vielleicht leichter verdaulich behandelt dieses Terrain:

Casey, Patrick J.: Understanding ancient coins. An introduction for archaeologists and historians, London 1986.

Am konkreten Beispiel führt Grant, Michael: Roman history from coins. Some uses of the imperial coinage to the historian, Cambridge 1954 die Unverzichtbarkeit der Quellengattung vor.

Einen chronologischen Überblick über die antike Münzprägung gibt

Metcalf, William (Hg.): The Oxford handbook of Greek and Roman coinage, Oxford 2012.

Für eine intensivere Beschäftigung unerlässlich ist jedoch die Auseinandersetzung mit den klassischen Einführungen in die Numismatik des Altertums:

  1. Radnoti-Alföldi, Maria: Antike Numismatik [2 Bde.] (= Kulturgeschichte der antiken Welt 2-3), Mainz 1978.
    Band 2 ist vollständig einer Auswahlbibliographie gewidmet.
  2. Göbl, Robert: Antike Numismatik [2 Bde.], München 1978.
  3. Göbl, Robert: Numismatik. Grundriß und wissenschaftliches System, München 1987.
    Beschränkt sich nicht auf die antike Numismatik, bringt aber auf engstem Raum alle technischen Einzelheiten numismatischer Begrifflichkeit und Methodik. Für Eilige empfohlen.
  4. Christ, Karl: Antike Numismatik. Einführung und Bibliographie, Darmstadt 1991 (3. Aufl.).
    Klassische, aber etwas trockene Einführung (keine Illustrationen!).

Einen Überblick über die Teilbereiche der antiken Numismatik verschaffen die folgenden Publikationen:

  1. Moesta, Hasso/Franke, Peter R.: Antike Metallurgie und Münzprägung. Ein Beitrag zur Technikgeschichte, Basel u. a. 1995.
    Bei allen Fragen zu technischen Aspekten der antiken Münzprägung (Prägevorgang, Vor- und Nachteile einzelner Metalllegierungen) eine gute Anlaufstelle.
  2. Franke, Peter R./Hirmer, Max: Die griechische Münze, München 1972 (2. Aufl.).
    Dieser und der folgende Band bestechen v. a. durch die ausgezeichneten Photographien Max Hirmers. Diese sind mit anderem Begleittext von Colin M. Kraay auch in einer englischen Monographie publiziert: Greek coins, London 1966.
  3. Kent, John P. C./Overbeck, Bernhard/Stylow, Armin U./Hirmer, Max: Die römische Münze, München 1973.
  4. Mittag, Franz P.: Griechische Numismatik (= Alte Geschichte Forschung), Heidelberg 2016.
  5. Jenkins, Gilbert K.: Ancient Greek coins (= The world of numismatics 1), London 1972.
  6. Sutherland, Carol H. V.: Roman coins (= The world of numismatics 2), London 1974.
  7. Jenkins, Gilbert K.: Ancient Greek coins (= Coins in history), London 1990.
    Überarbeitete Ausgabe des 1972 in der Reihe "The world of numismatics" erschienenen Werkes.
  8. Kraay, Colin M.: Archaic and classical Greek coins (= The library of numismatics), London 1976.
  9. Crawford, Michael: Coinage and money under the Roman republic. Italy and the mediterranean economy (= The library of numismatics), London 1985.
  10. Carson, Robert A. G.: Coins of the Roman empire (= The library of numismatics), London 1990.
  11. Grierson, Philip: Byzantine coins (= The library of numismatics), London 1982.
  12. Mørkholm, Otto: Early Hellenistic coinage from the accession of Alexander to the peace of Apamea (336-188 B. C.), Cambridge 1991.
  13. Nicolet-Pierre, Hélène: Numismatique grecque (= Collection U: Histoire), Paris 2002.
  14. Burnett, Andrew: Coinage in the Roman world, London 1987.
    Einführung mit besonderem Augenmerk auf den wirtschaftsgeschichtlichen Implikationen der römischen Münzprägung.
  15. Beier, Manfred: Das Münzwesen des römischen Reiches, Regenstauf 2002.
    Der Autor schreibt als nicht-professioneller Numismatiker für eine breitere Öffentlichkeit – Vorwissen wird daher kaum vorausgesetzt. Die Anhänge bieten nützliche chronologische Listen, Abkürzungsverzeichnisse usw.
  16. Grant, Michael: Roman imperial money, Edinburgh 1954.

Eine Reihe mit Einführungen in die Münzprägungen der Alten Welt (Guides to the coinage of the ancient world) befindet sich zudem bei Cambridge University Press im Aufbau:

  1. Thonemann, Peter: The Hellenistic world. Using coins as sources, Cambridge 2016.

Eine kommentierte Sammlung antiker Schriftquellen zur Münzprägung erstellt John R. Melville Jones:

  1. Melville-Jones, John R.: Testimonia numaria. Greek and Latin texts concerning ancient Greek coinage. Volume I: texts and translations, London 1993.
  2. Melville-Jones, John R.: Testimonia numaria. Greek and Latin texts concerning ancient Greek coinage. Volume II: addenda and commentary, London 2007.
  3. Melville-Jones, John R.: Testimonia numaria Romana. Greek and Latin texts concerning ancient Roman coinage (in Vorbereitung).

Empfohlene Zitierweise
Andreas Hartmann, Tutorium Augustanum: Gegenstand und Einführung, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/etutorials/tutorial-alte-geschichte/numismatik/gegenstand-und-einfuehrungen/?L=1 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 09.06.2016