Tutorium Augustanum

Chronologie

Die Antike kennt bis in die römische Kaiserzeit hinein eine Fülle unterschiedlicher Zeitrechnungen und Kalendarien. Die bekannte Olympiadenrechnung ist demgegenüber eine relative Spätentwicklung aus hellenistischer Zeit, die den Bedürfnissen der Universalgeschichtsschreibung Rechnung trägt, abseits des akademischen Elfenbeinturms aber kaum praktische Bedeutung gewann. Das obstinate Festhalten an alten Mondkalendern und die teilweise laxe Handhabung des Kalenderwesens machen eine präzise Umrechnung in den julianisch-gregorianischen Kalender äußerst schwierig. Für die älteste Zeit kommt noch hinzu, dass das Bedürfnis nach absoluten Zeitangaben überhaupt erst in klassischer Zeit aufgekommen zu sein scheint. Zuvor begnügte man sich oft mit relativen Chronologien, die ja in der Tat für die Geschichtsvorstellung entscheidender sind, da sie eine kausale Verknüpfung von Einzelereignissen ermöglichen.

Jahresangaben werden in der Antike meist in Eponymen- oder Ärenzählung gegeben, d. h. entweder wird das Jahr durch den/die eponymen – also "namengebenden" – Magistrat(e) bezeichnet oder die Jahre werden von einem bestimmten Ausgangszeitpunkt aus durchgezählt. Die folgenden Jahreszählungen sind von besonderer Bedeutung:

  1. Eponymenzählung:

  • Athen: "Als XY Archon war…" (seit 683/2 v. Chr.)

  • Sparta: "Als XY Ephor war…" (seit 754/3 v. Chr.)

  • Rom: "Unter den Konsuln X und Y…" (509 v.-541 n. Chr.)

  1. Ärenzählung:

  • Olympiadenrechnung: "Im Y. Jahr der Z. Olympiade…" (ab 776/5 v. Chr.)

  • Seleukidisch: "Im Jahre Z…" (ab 312/1 v. Chr.)

  • Rom: "Im Jahre Z nach der Gründung der Stadt…" (nach Varro 21. 4. 753 v. Chr., das unter Augustus offiziell anerkannte Datum war aber 752 v. Chr. – um nur zwei Möglichkeiten anzudeuten)

  • Jüdisch-Christlich: "Im Jahre Z nach der Schöpfung der Welt…" (7. 10. 3761 v. Chr., noch heute in Gebrauch)

  • Christlich: "Im Jahre Z nach Christi Geburt…" (berechnet von Dionysius Exiguus 526 n. Chr.)

  • Islamisch: "Im Jahre Z nach der Hedschra…" (16. 7. 622 n. Chr.)

Ein Sonderfall ist die Indiktionenrechnung: "Im Jahr Y der Indiktion…". Hier handelt es sich um keine eigentliche Jahresangabe, weil – anders als bei der Olympiadenrechnung – die Zahl der Indiktion nicht angegeben wird. Die Indiktion ist ein von Diokletian eingeführter fünfjähriger, später fünfzehnjähriger Steuerzyklus.

Daneben gibt es in Monarchien natürlich auch die Datierung nach Regierungsjahren.

Es liegt auf der Hand, dass die Chronologie der Alten Welt unter diesen Voraussetzungen für den Nichtfachmann eine ziemlich konfuse Sache ist. Wenige Spezialisten werden all die verschiedenen Kalender, Beamtenlisten und Ären ständig im Kopf parat haben. Umso wichtiger sind die Handbücher zum Thema:

  1. Bickerman, Elias J.: Chronology of the ancient world (= Aspects of Greek and Roman life), Ithaca 1980 (2. überarb. Aufl.).

  2. Samuel, Alan E.: Greek and Roman chronology. Calendars and years in classical antiquity (= HdA 1,7), München 1972.

  3. Eder, Walter/Renger, Johannes: Herrscherchronologien der antiken Welt. Namen, Daten, Dynastien (= DNP Suppl. 1), Stuttgart 2004.

  4. Hannah, Robert: Greek and Roman calendars: constructions of time in the Classical world, London 2005.
    Hier kommen Sie zur BMCR-Rezension.

  5. Deißmann, Maria: Daten zur antiken Chronologie und Geschichte (= RUB 8628), Stuttgart 1990.
    Dieses in Einführungen oft genannte Buch kann nur bedingt empfohlen werden, da das völlige Fehlen von Indices eine sinnvolle Benutzung äußerst erschwert. Ohne ein Register gerät etwa schon die Auflösung einer einfachen Datierung nach Konsulatsjahren zur Geduldsprobe. Hilfreich sind neben der Einleitung vor allem die Regententafeln antiker Dynastien. Da hier weniger Einträge anfallen als bei Listen von Jahresbeamten fällt das Fehlen von Indices weniger ins Gewicht.

Hinweise auf weitere Literatur zu einzelnen Kalendern, Eponymenlisten und Ären gibt http://bcs.fltr.ucl.ac.be/Chrono.html.

ACHTUNG!!! Zum Schluss eine Warnung vor den Tücken der ganz modernen Jahreszählung: Es gibt in unserer Ärenzählung ab Christi Geburt kein Jahr 0! Erstens ist die "0" ein Erbe, das erst die Araber an Europa vermittelten, und zweitens wäre eine Zeitangabe "im 0. Jahr nach Christi Geburt" evidenter Unsinn. Der Ausgangspunkt jeder Ärenzählung ist ein Zeitpunkt, von dem aus die Jahre gezählt werden. Daraus folgt – ganz logisch: An das Jahr 1 v. Chr. schließt unmittelbar das Jahr 1 n. Chr. an!

Empfohlene Zitierweise
Andreas Hartmann, Tutorium Augustanum: Chronologie, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/etutorials/tutorial-alte-geschichte/weitere-hilfswissenschaften/chronologie/?L=0 (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 22.05.2015