Tutorium Archivarbeit

Varianz der Archivalquellen

Archivgut im strengen Sinne liegt in Gestalt verschiedener Informationsträger oder Speichermedien vor. 

Texte

Den größten Raum in Archivmagazinen nimmt der "klassische" Informationsspeicher Papier ein, in mehr oder minder fest formierten Einheiten. Fest gebunden, meist mit Deckel, phänotypisch wie ein Buch aussehend, läuft das unter "Amtsbuch" oder "Geschäftsbuch" mit der Grundeinheit "1 Band". Die Einheiten bei den Akten, deren Blätter geheftet oder einfach lose übereinander gelegt sind, bezeichnet man regional unterschiedlich als "Aktenband", "Aktenheft", "Büschel", "Faszikel" oder "Konvolut". Eine Urkunde ist eine solche, wenn sie bestimmte formale Kriterien erfüllt; sie darf auf Pergament oder Papier geschrieben sein; wegen der oft anhängenden Siegel werden Urkunden üblicherweise als "Selekt" geführt, also als eigener (Teil-)Bestand separat verzeichnet und gelagert. Archive enthalten auch reichlich Druckschriften, teils in gesonderten Sammlungsbeständen, teils in zugehörige Akteneinheiten integriert: Insbesondere Zeitungen, Rundschreiben, Erlasse, Flugblätter, Kalender, den bunten Strauß an "grauer" Literatur (ohne ISB-Nummer), wie Jahresberichte, Festschriften, historiographische Traktate, technische Anleitungen, usw. usf.

Dankschreiben von der Front, 1914.
Das Antwortschreiben eines Angestellten an seinen Arbeitgeber, der ihn zur Verleihung des Eisernen Kreuzes II. Klasse beglückwünscht hatte. Nach sechs Wochen vor Verdun hoffte der Soldat am 22. Oktober 1914 auf baldigen Sieg und eine gesunden Heimkehr.


Bilder

Für Bilder im Archiv (ausgenommen spezielle Bildarchive) gilt das gleiche wie für die Druckschriften: Sie liegen teils in Sondersammlungen, teils eingebettet (oder auch verstreut) in Akten-Beständen. Nichts kommt nicht vor: illustrierte Ahnentafeln bzw. Stammbäume, so genannte Augenschein-Karten und andere amtliche Zeichnungen von Landschaften, Orten und Gebäuden, Karten, Baupläne, Konstruktionszeichnungen, Fotografien (von der Schwarzweiß-Glasplatte bis zum Farb-Papierabzug), Plakate, Postkarten, Schaubilder, Buchillustrationen, bildende Kunst (in der Regel zweidimensional, vom Druck bis zum Ölgemälde) - die Reihe ist gewiss unvollständig. 

Karte vom Beginn des 19. Jahrhunderts.
Die im Ausschnitt abgebildete Karte zeigt den Feldzug des französischen Marschalls Louis Gabriel Suchet mit seinen Truppen in Spanien 1808–1810.
Werbung für elektrische Futterdämpfer, 1930.
Die Investition in teure Leitungen musste sich durch den Stromverkauf rasch amortisieren - kein Problem in den industriereichen Ballungszentren. In dünn besiedelten Agrargebieten dagegen kurbelten die so genannten Überlandzentralen den Stromverbrauch an
Plan zur Elektrifizierung der Autobahnen, 1933.
Als Maßnahme, um die Verkehrsinfrastruktur zu verbessern, vor allem aber um erwerbslosen "Volksgenossen" Arbeit zu beschaffen, schlug die deutsche Stromwirtschaft 1933 vor, die seit einigen Jahren gebauten Autobahnen mit Oberleitungen nachzurüsten.
Fotografie aus einer deutschen Großstadt, 1957.
Die zahlreichen, nicht nur in Medien-, sondern auch in allen anderen Archiven gehüteten Fotografien bieten dem jüngst verstärkt erwachenden Interesse am Bild als historischer Quelle reichlich Anschauungs-Material.


AVD / Multimedia / Neue Medien / Elektronische Archivalien

Andere als zweidimensionale Text- oder Bildträger gelangen selten in Archive, ausgenommen selbstredend die Medienarchive. Über den Daumen gepeilt, dürfte sich das quantitative Verhältnis der Gattungen Text / Bild / neue Medien im Durchschnittsarchiv derzeit auf 1000 zu 25 zu 1 belaufen. In kleineren Archiven könnte die Nutzung wegen des Fehlens geeigneter Abspielgeräte für die Tonbänder, Audiokassetten, Polyethylen- und Videofilme Probleme bereiten.

Künftig wird wohl zunehmend auch mit elektronischen Speichermedien wie Disketten und CDs zu rechnen sein. Das Bundesarchiv hält bereits elektronisches Archivgut in nennenswertem Umfang für die Nutzung bereit, etwa Datenbanken der ehemaligen DDR wie z.B. den zentralen Kaderdatenspeicher. Auch einige Landesarchive haben schon Archivgut in Gestalt von Bits und Bytes übernommen, so das Hauptstaatsarchiv Dresden und das Staatsarchiv Ludwigsburg. Diese Quellengattung wird in Zukunft stark zunehmen, wiewohl sie den Archiven einen hohen Aufwand abverlangt.   

Einen Sonderfall bilden Mikrofilme und Mikrofiches, die in der Regel als Schutz- oder Ersatzverfilmung von Akten, Urkunden, Karten und Fotos angefertigt wurden. 

Filmrollen im Archivmagazin
Die originalen 35- oder 18-mm-Polyetylenfilme bleiben hier so lange kühl, trocken und sicher liegen, bis ihre Kopien auf VHS-Video oder DVD in wenigen Jahren unbrauchbar sein werden. Dann kann man von ihnen neue Gebrauchskopien ziehen.
VHS-Videofilme im Archivmagazin
Sofern sie im Zusammenhang mit der Geschäftstätigkeit der Archivierenden entstanden sind, gehören auch Videofilme zum Archivgut. Die kurze Haltbarkeit der Magnetbänder freilich treibt den Archivaren Sorgenfalten auf die Stirn.

Museale Gegenstände

findet man nur ausnahmsweise in einem Archiv. Solche Ausnahmen können im Staatsarchiv die als Beweisstück in der Gerichtsakte angehängte Schere vom Kindsmörderinnen-Prozess aus dem 18. Jahrhundert sein; im Vereinsarchiv die Siegespokale; im Wirtschaftsarchiv allerlei Reklameträger, wie Textilien mit Aufdruck, Spardosen oder dreidimensionale Werbefiguren. 

Modelleisenbahn als Werbeträger, 1999–2003.
Wirtschaftsarchive erhalten zusammen mit dem Archivgut regelmäßig auch Werbeträger des betreffenden Unternehmens.
Modelle von Fabrikgebäuden, 1930er Jahre
Selten in Archiven, am häufigsten noch in Wirtschaftsarchiven, findet man "museale" Gegenstände wie die abgebildeten Modelle.

Wahrung persönlicher Rechte mit Hilfe von Archivalien

Heute gelten Archive in erster Linie als Quellenspeicher für die historische Forschung. Diese Entwicklung nahmen sie jedoch erst im Lauf des 19. Jahrhunderts, nach einer so genannten "kopernikanischen Wende" im Zuge der französischen Revolution. Zuvor dienten Archive ihren Trägern einzig als Schatzkammern, in denen sie materiell wertvolle juristische Beweismittel für ihre Rechte bunkerten. Der juristische Aspekt ist heute im öffentlichen Bewusstsein etwas in den Hintergrund getreten, gilt aber immer noch. 

In Archiven aufbewahrte Schriftstücke können Menschen bei der Wahrung persönlicher Rechte helfen, man denke etwa an die aktuellen Nachweise über Zwangsarbeit, an Nachweise von Ausbildungsabschlüssen, oder von Nutzungsrechten, wie es ein Beispiel aus dem Jahr 1999 zeigt: "An einem Freitagabend gegen 19.30 Uhr betrat ein Ehepaar unser Archiv, um eine vorbestellte Akte einzusehen. Die beiden hatten erkennbar Schwierigkeiten bei der Lektüre und so ergab es sich, dass ich ihnen die Bauakte vom Ende des 19. Jahrhunderts vorlas. Mit jedem Satz, den ich las, hellten sich die Mienen des Ehepaars auf, bis sie ihre Geschichte erzählten: Ihre kleine Eisen verarbeitende Fabrik lag in einem Wohngebiet und sollte auf Anweisung der Gemeinde in das Industriegebiet verlegt werden. Für die Umsiedlung fehlte aber das Geld. Der Betrieb und knapp 10 Arbeitsplätze standen - trotz der Beratung von mehreren Rechtsanwälten - auf dem Spiel. Die vorgelegte Bauakte enthielt nun die Baugenehmigung für eine Schmiede an dem Standort der heutigen Fabrik samt Zustimmung von Gemeinde und Einverständnis der Nachbarn. Damit war auch der heutige Betrieb gerettet. Als die beiden das Archiv verließen, drehte sich der Mann noch einmal um und meinte: »Wenn wir eher gewusst hätten, dass hier diese Unterlagen sind, hätten wir uns viel Geld sparen können.« Und mir stellte sich die Frage: »Welche Chance hatte dieses Ehepaar, von einem Archiv und seinen Aufgaben überhaupt zu wissen?« Wenn wir ehrlich sind: keine." [1]

Ähnlich gelagerte Fälle sind so genannte Grunddienstbarkeiten wie Durchfahrts- oder Wegerechte. Wassernutzungs- und Mühlenrechte gelten, sofern sie nicht abgelöst wurden, ewig: Mit einem Wasserrecht aus dem 16. Jahrhundert, das eine Kollegin 1994 nachwies, gewann ein Bürger seinen Prozess gegen die Kommune um seine private Wasserkraftanlage, mit der er dann weiter eigenen Strom erzeugen durfte. Die Staatsarchive in den neuen Bundesländern haben in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil ihres Personals zu nichts anderem eingesetzt, als Restitutionsansprüche mit Auszügen aus den Grundbüchern (allein im Landeshauptarchiv Potsdam: acht Regalkilometer) und aus anderen Unterlagen zu unterfüttern.


Anmerkungen

[1] Clemens Rehm: Zauberwort "Archivpädagogik". Vortrag am 12.10.2000 auf dem Deutschen Archivtag in Nürnberg.

Empfohlene Zitierweise
Martin Burkhardt, Tutorium Archivarbeit: Varianz der Archivalquellen, in: historicum-estudies.net,
URL: http://www.historicum-estudies.net/etutorials/tutorium-archivarbeit/varianz-der-archivalquellen/ (Datum des letzten Besuchs).

Erstellt: 24.04.2014

Zuletzt geändert: 22.05.2015