Caudillismo / caciquismo / coronelismo

Wil Pansters

Diese drei Begriffe und Konzepte beziehen sich auf spezifische Formen politischer und sozialer Führung. Sie alle sind Teil der Alltagssprache: ganz normale Menschen erkennen und sprechen von caudillos, caciques und coronéis, wenn sie sich auf bestimmte Anführer beziehen. Auch in wissenschaftlichen Arbeiten und Diskussionen sind die Konzepte ebenso weit verbreitet. Als solche haben sie eine reichhaltige semantische Geschichte. Caudillismo, caciquismo und coronelismo teilen bestimmte Eigenschaften, es gibt aber auch Unterschiede. Ihre gemeinsame Wurzel ist, dass die Ausübung von Macht und Autorität stark abhängig ist von einer politischen Kultur des Personalismus und Patrimonialismus, in der persönliche Ausstrahlung, Beziehungen, Freundschaften und Loyalitäten Schlüsselwerte darstellen. In diesem Sinne sind caudillos, caciques und coronéis (manchmal wortwörtlich) „starke Männer“ (obwohl es ebenfalls Fälle starker Frauen gibt), die mittels persönlicher Netzwerke, Loyalitätsbindungen und Patronagesysteme regieren. Als solche unterhalten sie eine zutiefst ambivalente Beziehung zum Gesetz und den (Weber‘schen) Prinzipien von Bürokratie und Demokratie. Diese Männer und Frauen agieren pragmatisch und personalistisch mit dem Ziel, Macht zu erwerben, sie sind eher Realpolitiker als Anhänger einer unpersönlichen und allgemeinen Herrschaft. Deshalb wird ihre Herrschaft oft mit Willkür- bzw. Zwangsherrschaft, Klientelismus, Nepotismus, Korruption und manchmal (militärischem) Autoritarismus assoziiert (Diktatur). Während die Begriffe caudillo und caudillismo überall in LA und auf der Iberischen Halbinsel bekannt sind, wenn auch mit leicht unterschiedlichen Bedeutungen, wird der Begriff caciquismo stark mit Mexiko und Zentralamerika in Verbindung gebracht, obgleich er auch in Kolumbien gebraucht wird. Das Phänomen des caciquismo taucht hingegen in ganz LA auf, wird jedoch in Brasilien als coronelismo und in Peru als gamonalismo bezeichnet. Caciquismo und coronelismo werden generell als besondere Arten der Vetternwirtschaft, des Klientelismus und als Schlüsselmechanismen des brokerage in Systemen mit sozialpolitischer Kontrolle angesehen.

Der caudillo entstand während der Unabhängigkeitskriege zu Beginn des 19. Jhs., als die gemeinsamen Bindungen, Institutionen und Netzwerke, welche die Kolonialmacht zusammengehalten hatten, zerfielen. Zudem hatten die Kriege die Wirtschaft und Gesellschaft in Trümmern zurückgelassen. Die Notwendigkeit, Schlüsselfragen hinsichtlich der sozialen und politischen Ordnung der unabhängigen Staaten zu lösen (Republikanismus vs. Monarchismus, Föderalismus vs. Zentralismus, Rolle der Kirche), verursachte Rivalitäten und Konflikte. LAs Geographie fügte den Risiken der Zersplitterung und des Konflikts eine weitere Dimension hinzu. Im 19. Jh., als politische und militärische Instabilität zu dauerhaften Merkmalen in den neuen unabhängigen Nationalstaaten der Region wurden, stellte der caudillo eine vertraute Figur in der lateinamerik. politischen und sozialen Landschaft dar. Die strukturellen Voraussetzungen eröffneten ambitionierten Männern Möglichkeiten, üblicherweise handelte es sich um Landbesitzer mit ausreichend Ressourcen, um private Armeen zu finanzieren, einige von ihnen hatten einen offiziellen militärischen Rang, andere nicht, um nach militärischer, administrativer und richterlicher Kontrolle von immer größeren Gebieten zu suchen. Erfolgreiche caudillos agierten national und wurden mit organisierter Gewalt und militärischer Macht assoziiert. Die wesentliche Funktion des caudillo-Phänomens war dementsprechend die Bereitstellung eines (personalistischen) politischen und militärischen Machtzentrums, das mangels starker institutioneller und rechtlicher Regelungen in der Lage war, ein Gefühl von Ordnung und Integration zu schaffen. Natürlich gab es viele Konflikte zwischen rivalisierenden (Möchtegern-)caudillos mit Machtstützpunkten in verschiedenen Regionen oder Institutionen wie der Armee, der Kirche oder der ländlichen Elite. Deshalb trug der caudillismo mit den persönlichen Armeen und den intensiven und wiederholten Aufständen zur Spaltung der Gesellschaften bei. Dies wurde verschärft durch den Mangel an politischem oder ideologischem Bekenntnis der caudillos und ihren von persönlichen Interessen gelenkten Seitenwechseln. Schließlich liegt die Führungsqualität beim caudillismo in der Person selbst, nicht in seinem Amt. Das vielleicht eindeutigste Beispiel ist António López de Santa Anna in Mexiko, der Kriegsheld, der während der ersten Hälfte des 19. Jhs. die Präsidentschaft elf Mal innehatte (zuerst als Liberaler, dann als Konservativer), der außerdem durch seinen Einfluss auf die Armee und seine politische Intelligenz andere Präsidenten beliebig einsetzen und entlassen konnte.

Caudillos weisen starke Persönlichkeiten, interpersonelle Fähigkeiten zur Zusammenhaltung von Gruppen und häufig die Behauptung sexueller Leistungsfähigkeit und Männlichkeit auf. Da all dies beachtliche Ressourcen erfordert, bspw. die Verteilung von Gütern unter Anhängern, benötigt der erfolgreiche caudillo Zugang zu Reichtum, entweder durch Geschäftssinn, Plünderung, Steuerabbau in Gebieten, die sich zuvor unter der Kontrolle gegnerischer caudillos befanden, oder eine Kombination daraus. Nicht selten pflegten caudillos Prahlerei und einen persönlichen Nimbus: Die Schaffung eines Mythos der persönlichen Unentbehrlichkeit stellte ein Schlüsselelement in der Errichtung einer caudillo-Herrschaft dar. Ein prototypischer caudillo war Juan Manuel de Rosas, ein rauer Farmer aus der argentinischen Pampa, der die Politik des Landes zwischen 1829 und 1852 mit den Mitteln der Gewalt, politischen Verhandlungen und Propaganda beherrschte.

Der caudillismo verschwand als die dominante Form der politischen und sozialen Organisation und Autorität in LA, als die strukturellen Bedingungen, die ihn hervorgerufen hatten, allmählich wichen. Jedoch hat das 20. Jh. Fälle des Neo-caudillismo hervorgebracht, entweder in seiner populistischen Form (wie im Falle Juan D. Peróns in Argentinien) oder in der Form des revolutionären Wandels wie z. B. Fidel Castro in Kuba und besonders Hugo Chávez in Venezuela (Populismus). Charakteristisch für diese jüngeren caudillos ist, dass sie ebenfalls in Phasen wirtschaftlicher Angst, politischer Instabilität oder des gesellschaftlichen Kollapses aufstiegen, in denen die Suche nach einer starken Führung und vielleicht die Hoffnung auf eine demokratische Erneuerung stark war. Einmal an der Macht, sind sie jedoch geneigt, institutionelle und gesetzliche Vereinbarungen zu ihren Gunsten zu verändern, die Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle zu untergraben, Zwang einzusetzen und die Regeln des Gesetzes zu unterlaufen. Diese neuen Versionen des klassischen caudillismo zeigen ausnahmslos eine Gier nach Größe und Selbstverherrlichung, die mit der ihrer Vorgänger im 19. Jh. vergleichbar ist.

Während die Merkmale der Art und Form der caudillo-Herrschaft auch auf die caciques und coronéis angewendet werden können, unterscheidet sich ihre strukturelle Funktion in sozialen und politischen Systemen von der der caudillos. Während der caudillismo stark mit (aufstrebender) nationaler Führerschaft assoziiert wurde, sind caciquismo und coronelismo strukturell auf den subnationalen (provinziellen) und lokalen Ebenen angesiedelt. Ihre strukturellen Schlüsselfunktionen sind die des brokerage bzw. der Vermittlung zwischen verschiedenen Ebenen sozialer, politischer und administrativer Strukturen. Sowohl caciquismo als auch coronelismo beziehen sich auf die politische Herrschaft eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe über eine bestimmte Gemeinschaft und/oder ein Gebiet und über die Kontrolle wirtschaftlicher und politischer Ressourcen, zu denen die Gemeinschaft keinen freien oder leichten Zugang hat. Durch die Kontrolle des Ressourcenflusses werden die caciques zu Vermittlern zwischen der Gemeinschaft und (breiteren) gesellschaftlichen und politischen Systemen. Diese Kontrolle stellt die Grundlage dar für die Fähigkeit des cacique, seinen Willen und seine Macht durchzusetzen. Folglich steuern caciques und coronéis Verbindungen nach oben und nach unten. Obwohl caciques und coronéis offizielle Verwaltungsstellen bekleiden können, ist ihre Macht im Wesentlichen informell. Im LA des 19. und frühen 20. Jhs. wurde die strukturelle Funktion des caciquismo und coronelismo oftmals als ein Produkt der widersprüchlichen Verbindung einer „modernen“ nationalen Politik mit einer „traditionellen“ Gesellschaft angesehen. Gestützt durch ein Netzwerk von Anhängern, Verwandten und „Vollstreckern“, üben caciques und coronéis Macht aus, wobei sie eine Kombination aus materiellen Anreizen, physischer Gewalt und wirtschaftlichen Drohungen anwenden, um ihre Anliegen unter ihren Anhängern durchzusetzen und um eine Rolle im weiteren politischen und sozialen Umfeld zu beanspruchen. Eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche caciques und coronéis ist, als Anführer oder Chefs von denjenigen anerkannt (wenngleich nicht notwendigerweise unterstützt) zu werden, die innerhalb ihrer Gebiete und Territorien leben, sowie von Akteuren auf höheren sozialen, politischen und administrativen Ebenen. Sie mobilisieren ihre Anhänger entweder zugunsten ihrer eigenen politischen Interessen bei Wahlen oder zugunsten ihrer in der politischen Hierarchie höhergestellten Vorgesetzten, die sie in der Regel für die Errichtung und Aufrechterhaltung von Ordnung und Stabilität in ihren Einflussgebieten verantwortlich machen. In diesem Sinne stellen lokale oder regionale caciques für die in der Hierarchie höher angesiedelte Elite Schlüsselfiguren in der Organisation von Herrschaft und sozialer und politischer Kontrolle dar. Im Gegenzug erhalten sie Zugang zu Ressourcen und verteilen diese in Form von gemeinschaftlichen oder individuellen Leistungen, öffentlicher Arbeit, politischer Unterstützung, Geschäftsverträgen, rechtlichem oder bewaffnetem Schutz und Prestige an ihre Anhänger.

Diese Anführer scheuen nicht zurück vor der Drohung und Anwendung von Gewalt und sie zögern nicht, einen pistolero anzuheuern, um denjenigen zu beseitigen, der eine Gefahr für ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen oder die ihrer eigenen Chefs darstellt. Trotzdem basiert die Herrschaft von caciques auch und vielleicht sogar am stärksten auf populärer Unterstützung und Legitimität aufgrund ihrer Fähigkeit, Ordnung herzustellen, Konflikte beizulegen, Ressourcen zu verteilen und Stabilität zu sichern. Caciques und coronéis mögen zudem einen Hauch ideologischer und diskursiver Autorität genießen, da sie sich mit einer bestimmten Klasse oder revolutionären Projekten, ethnischen Identitäten oder Partisanenprinzipien und Netzwerken identifizieren oder aus ihnen entspringen, auch wenn sie am Ende meist nur ihre Gruppen- und Eigeninteressen verteidigten. Ein Bsp. sind die vielen lokalen und regionalen sogenannten agrarista caciques in Mexiko, die aus den revolutionären Armeen in den 1920er- und 1930er-Jahren hervorgingen und die erfolgreich für eine Landreform kämpften und deshalb in der Lage waren, eine (bewaffnete) Anhängerschaft zu bilden. Die besondere Mischung aus wirksamem brokerage, populärer Autorität und der Anwendung von Gewalt erklärt, warum die Herrschaft von caciques dauerhaft ist und sehr viel weniger von Wahlen oder politischen Konjunkturen abhängt als die gewöhnlicher politischer Anführer. Dies bedeutet auch, dass caciques, die über zunehmend konfliktive und instabile Gebiete herrschen und vermehrt Zwangsmethoden anwenden, dadurch weniger erfolgreich in der Steuerung nach oben gerichteter Verbindungen sind. Ist ihre Funktion als Vermittler dauerhaft gestört, werden sie nicht selten durch eine Kombination aus Druck von oben und unten aus ihren Positionen verdrängt. Im Grunde scheint dies unvermeidbar, da caciques und coronéis ihre Macht auf eine informelle, personalistische und willkürliche Weise ausüben, mit der sie soziale, wirtschaftliche und politische Hierarchien privilegieren. Wie auch bei der Logik der caudillo-Herrschaft steht das Verhalten der caciques und coronéis im Gegensatz zu freien und fairen Wahlen, bürokratischer Gerechtigkeit und der unpersönlichen Anwendung der Rechtsstaatlichkeit. Dies erzeugt fast immer Gegenwehr bzw. Opposition und häufig auch offene und gewaltsame Konflikte, die dann zum Untergang bestimmter caciques und coronéis und ihrer Gruppen führen.

Jedoch haben die Systeme und Methoden des caciquismo und coronelismo eine beachtliche Fähigkeit bewiesen, sich entsprechend wechselnder gesellschaftlicher Umstände anzupassen, obwohl offenere Märkte, in denen politische und wirtschaftliche Ressourcen leichter zu erhalten sind, die ursprünglichen Entstehungsbedingungen abgeschafft haben. Solange es einen Raum für die personalistische Vermittlung des Ressourcenflusses (vom Land bis zur Anwendung des Gesetzes, vom Wasser bis hin zu Beförderungen und Sicherheit) gibt, werden sie damit fortfahren, Institutionen wie Gewerkschaften, Universitäten, Bürokratien, politische Parteien, Geschäfte und sogar soziale Bewegungen und nichtstaatliche Organisationen zu besiedeln.

Literaturhinweise

H. M. Hamill Jr. (Hg.): Dictatorship in Spanish America, New York 1966; A. Knight, W. Pansters (Hg.): Caciquismo in Twentieth-Century Mexico, London 2005; E. Wolf, E. Hansen: Caudillo Politics: A Structural Analysis, in Comparative Studies in Society and History 9,2 (1967), 168–179.