Globalisierung

Debora Gerstenberger

Globalisierung G. ist ein in den 1990er-Jahren in Mode gekommener Neologismus, mit dem man vielfältige wirtschaftliche, politische und kulturelle Interaktionen und Verflechtungen auf einen Nenner zu bringen versucht. In den meisten Definitionen von G. spielen Ausweitung, Verdichtung und Beschleunigung weltweiter Beziehungen eine zentrale Rolle. In publizistischen Medien meint G. meist die zunehmende Internationalisierung und Interdependenz der nationalen Ökonomien, wobei ein rasantes Zusammenwachsen der Welt(-märkte) bis hin zu einer einzigen Entität impliziert wird. Diese Bedeutung findet sich bisweilen auch in wissenschaftlichen Abhandlungen. Der Nationalstaat ist demnach großem Anpassungsdruck ausgesetzt und büßt immer mehr Einfluss ein bzw. löst sich gar auf. Der Begriff G. hat einen starken teleologischen Beiklang. Der Afrika-Historiker Frederick Cooper spitzte die Kritik zu, als er konstatierte, dass an dem Begriff zwei Dinge problematisch seien, erstens das „Global“, und zweitens die „-Isierung“. Ersteres impliziere ein einziges weltumspannendes System von Kapitalflüssen, Absatzmärkten und Informationsströmen und das Zweite suggeriere, dass wir uns momentan in einem globalisierenden Zeitalter befänden.

Die in den 1990er-Jahren entstandene und seitdem erstarkende Globalgeschichte hat die Neuheit des Phänomens infrage gestellt und darauf aufmerksam gemacht, dass Tendenzen der G. seit Jh. nachweisbar sind. Auch die These einer linearen Entwicklung mit stetiger Verdichtung und Beschleunigung von G.-Prozessen ist vielfach kritisiert worden. Es dominiert mittlerweile die Einsicht, dass dabei meist mehrere, zum Teil gegenläufige Tendenzen (Aneignung/ Abgrenzung, Beschleunigung/Verlangsamung, Liberalisierung/Protektionismus etc.) wirksam sind.

All diese Tendenzen sind in LA nachweisbar, das somit zahlreiche Themenfelder für G.-Forscher bietet. Die Voraussetzung für belastbare Ergebnisse ist stets eine exakte Definition und Abgrenzung, denn die Verwendung des Begriffs G. ist problematisch, wenn damit – ähnlich wie mit Modernisierung in den 1960er- und 1970er­Jahren – ein ganzes Konglomerat unterschiedlicher Phänomene und Prozesse aus unterschiedlichen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Technik, Kultur, Religion u. a.) gemeint ist. Dass solche Prozesse eben nicht linear und synchron verlaufen, muss die G.-Forschung stärker betonen.

Im Folgenden sollen aus einer historischen Perspektive – und unter Inkaufnahme einer gewissen Unschärfe der verwendeten analytischen Kategorien – einige mit LA verbundene Ereignisse und Prozesse dargestellt werden, die eine besondere Bedeutung für die „Geschichte der G.“ haben, also für eine Geschichte der Entwicklung weltweiter Interdependenzen und Verflechtungen. Der Fokus soll dabei auf ökonomischen und politischen Themen liegen. Ein zweiter Abschnitt beleuchtet die Rolle LAs in der Globalgeschichte sowie die Rolle von G.-Phänomenen in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu LA.

Etappen und Phänomene einer globalen Vernetzung in bzw. durch LA Auch wenn man die Großreiche der Azteken und Inkas (altamerik. Kulturen) sicherlich auch aus globalhistorischer Perspektive betrachten könnte, gilt in der Globalgeschichte erst die Eroberung (Conquista) der Neuen Welt durch Europäer seit Ende des 15. Jhs. als Beginn einer „frühen“ oder „ersten“ G. Aufgrund des Kolonialismus wurde LA zu einer bedeutenden Schnittstelle von Menschen- und Warenströmen und nahm innerhalb der iberischen Kolonialreiche, die sich über bis dahin ungekannte Dimensionen erstreckten, eine Sonderstellung ein.

Der im 16. Jh. von iberischen Conquistadoren und Händlern etablierte Silberhandel wird häufig als „Geburt der Weltwirtschaft“ gesehen. LA produzierte vor allem in den Minen von Potosí (heutiges Bolivien) und Zacatecas (heutiges Mexiko) zwischen 1500 und 1800 rund 150.000 Tonnen Silber (vermutlich mehr als 80% der Weltproduktion), das vorwiegend über Europa nach China verschifft wurde. Neuerdings wird in diesem Prozess die Rolle Asiens stärker betont. Demnach nutzten europ. Händler die bereits lange existierenden innerasiatischen Handelsnetzwerke, zu denen sie durch das amerik. Silber Zugang fanden.

In der Frühen Neuzeit emigrierten Hunderttausende Europäer, motiviert durch die Hoffnung auf schnellen Reichtum, nach LA. Zusätzlich verschleppten Europäer für die Bewerkstelligung der arbeitsintensiven Plantagenwirtschaft (Tabak, Kakao, Baumwolle und vor allem Zucker und Kaffee) bis Mitte des 19. Jhs. rund 11 Mio. Sklaven nach Amerika, die meisten von ihnen von der Westküste Afrikas nach Brasilien und in die Karibik. Der Atlantik wuchs aufgrund des trikontinentalen Sklavenhandels zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Interaktionsraum zusammen.

Wie eng der Zusammenhang zwischen Europa und (Latein-)Amerika durch die Flüsse von Waren, Menschen und Ideen in den Jh. nach der Conquista geworden war, zeigte das Zeitalter der atlantischen Krise (ca. 1780–1830), in dem es zu Revolutionen auf beiden Seiten des Atlantiks kam. Nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten (1776), der Franz. Revolution (1789) und der Haitianischen Revolution (1794) erlangten fast alle Kolonien in LA bis in die 1820er-Jahre die politische Unabhängigkeit; in den meisten neu gegründeten Staaten vollzog sich auch ein Verfassungswandel, der zur Etablierung von Republiken (außer in Brasilien bis 1889 und Mexiko bis 1823) führte und politische Partizipation für eine breitere Bev. vorsah. Da die Separationsbewegungen ein Resultat der dichten Vernetzung waren, beweist diese Episode in der Geschichte LAs, dass verstärkte Interaktionen auch zu Abgrenzungen und dem Streben nach (nationaler) Souveränität führen können. Der Zusammenbruch der Kolonialreiche war auf der Ebene der staatlichen Organisation ein „deglobalisierender“ Prozess. In wirtschaftlicher Hinsicht führte die Fragmentierung indes zu einer Öffnung: Der „koloniale Pakt“ mit seinem Monopolsystem, bei dem der legale Handel stets über das europ. Mutterland lief, machte einem liberaleren internationalen Handel Platz.

Seit der Mitte des 19. Jhs. regierten in den meisten lateinamerik. Staaten Eliten, die sich am Fortschrittsgedanken orientierten. Ihr Ziel war es, nationale Entwicklung durch die Annäherung an europ. Vorbilder zu erreichen. Dazu strebten sie die Einbindung ihrer Staaten in das Weltwirtschaftssystem durch die Ausbeutung der eigenen Ressourcen an. Die im 19. Jh. von lateinamerik. Regierungen geförderte europ. Masseneinwanderung (zwischen 1830 und 1930 migrierten rund 11 Mio. Europäer nach LA) sollte zu „Fortschritt“, „Zivilisation“ und „Aufweißung“ der Gesellschaften führen (Migration, Rassismus).

Zwischen der Unabhängigkeit der lateinamerik. Staaten und der Weltwirtschaftskrise 1929 wuchs der Außenhandel: LA exportierte Primärprodukte (Erzeugnisse aus Landwirtschaft und Bergbau) und importierte Konsum- sowie Investitionsgüter. Die Strategie der ISI von den 1930er-Jahren an zielte auf eine gewisse Abschottung; die Einfuhr von Fertigwaren sollte durch die Produktion im eigenen Land verhindert werden. In der Zeit der Militärdiktaturen (1960er- bis 1980er-Jahre) (Diktatur) kam es erneut zu einem Umschwung: Die Militärs vertraten wirtschaftspolitisch überwiegend einen liberalen Kurs, was eine Öffnung für den Weltmarkt bedeutete.

Spricht man heute im Zusammenhang mit LA von G., drängen sich Bilder von wuchernden Armutsvierteln (Favela) und gated communities der Reichen auf. Staatliche Deregulierung und zunehmende Liberalisierung ließen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen: Sieben lateinamerik. Staaten gehören zu der Gruppe jener 15 Länder mit der weltweit größten Einkommensungleichheit. Hochentwickelte „Global Cities“ wie São Paulo und Mexiko-Stadt kontrastieren mit ländlichen, ärmlichen Regionen. Das jährlich stattfindende Weltsozialforum, das mit seinem Eintreten gegen Armut und Hunger und seiner Forderung nach mehr Gerechtigkeit klar globalisierungskritisch ausgerichtet ist bzw. für eine „alternative G.“ unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte eintritt, wurde 2001 im brasilianischen Porto Alegre gegründet.

Prozesse der wirtschaftlichen G. haben allerdings nicht immer negative Effekte auf LAs Volkswirtschaften. So konnten die rohstoffexportierenden Länder nach der globalen Finanzkrise 2008/2009 von überdurchschnittlichen Exportzuwächsen profitieren. Die Exporterlöse der Region stiegen 2011 gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent und erreichten mit über einer Billion US$ einen neuen Rekordwert. Brasilien ist derzeit die sechstgrößte Volkswirtschaft und fordert selbstbewusst neue Positionen in internationalen Gremien ein (zum Beispiel einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat). Wirtschaftswachstum kommt indes nicht automatisch den Armen zugute. Für inklusives Wirtschaftswachstum bedarf es sozialer Sicherungssysteme, die in LA schwach ausgeprägt sind; lediglich vier von zehn Arbeitnehmern haben Beschäftigungsverhältnisse im formalen Arbeitsmarkt.

LA und die Globalgeschichte In globalhistorischen Debatten, die in Europa und den USA geführt werden, spielt LA nur eine geringe Rolle; umgekehrt wird in LA kaum von „Globalgeschichte“ gesprochen. Jene Phänomene, die heute als G.-Phänomene gelten, werden jedoch in der Forschung in und über LA unter anderen Bezeichnungen wie Koloniale Geschichte, Imperialgeschichte, postcolonial studies und nicht zuletzt in den Nationalhistoriographien verhandelt.

Wie im vorherigen Abschnitt dargestellt, führte die Eroberung LAs durch Europäer aufgrund teils freiwilliger, teils erzwungener Migrationen zu zahlreichen Kontakten, Verflechtungen und Kollisionen unterschiedlicher ethnischer Gruppen, Kulturen und Religionen und damit zur Entstehung sog. hybrider bzw. synkretistischer Lebenswelten und -formen. Seit dem 19. Jh. war für die sozialwissenschaftliche Interpretation der lateinamerik. Gesellschaften die ethnische, kulturelle und soziale „Vermischung“ von unterschiedlichen Bev.-Gruppen (spanisch: mestizaje) zentral. Der brasilianische Sozialwissenschaftler Gilberto Freyre (1900–1987) stellte die mestiçagem der drei ethnischen Elemente (Indigene, Europäer, Afrikaner) in den Mittelpunkt seiner zahlreichen Abhandlungen und verfocht die „anti“-rassistische These, dass diese Vermischung in Brasilien eine bessere Gesellschaft hervorgebracht habe. Der kubanische Anthropologe Fernando Ortiz Fernández (1881–1969) prägte den Begriff der Transkulturation. Diese seit den 1930er- und 1940er­Jahren wirkmächtigen Interpretationen hoben positive Effekte der Migrationen und Interaktionen hervor.

Globalen wirtschaftlichen Zusammenhängen kritisch gegenüber eingestellt war die in den 1960er- und 1970er-Jahren erstarkende, auf marxistischen Annahmen basierende Dependenztheorie, die maßgeblich von lateinamerik. Wissenschaftlern entwickelt wurde. Sie besagte, dass die alten kolonialen Strukturen weiterwirkten: Das ausgebeutete LA sei Teil eines kapitalistischen Weltsystems, dessen Zentren in Europa und den USA lägen. Die „Unterentwicklung“ LAs sei daher nicht das Resultat gesellschaftlicher Rückständigkeit, wie es die Modernisierungstheorien suggerierten, sondern einer unvorteilhaften Einbindung in die Weltmärkte. Die Dependenztheorie ist eine der wenigen Großtheorien, die im „globalen Süden“ entstanden sind.

Forschungen zur brasil. Geschichte haben in jüngerer Zeit das ursprünglich auf Nordamerika ausgerichtete Konzept der Atlantischen Welt bzw. des Black Atlantic verändert und erweitert. Empirische Untersuchungen zum lusophonen Black Atlantic betonen die engen religiösen, sozialen und kulturellen Verflechtungen zwischen Afrika und Brasilien in der Zeit zwischen 1500 und 1850. Allgemein wäre es für die Globalgeschichte sicherlich fruchtbar, Erkenntnisse und Theorien aus LA stärker als bisher in ihre Diskussionen zu integrieren.

Literaturhinweise

M. Cohen (Hg.): The Global Economic Crisis in Latin America: Impacts and Responses, London 2012; F. Cooper: What is the Concept of Globalization Good for? An African Historian’s Perspective, in: African Affairs 100 (2001), 189–213; G. Fischer, C. Peters, S. Rinke, F. Schulze (Hg.): Brasilien in der Welt. Region, Nation und Globalisierung 1870–1945, Frankfurt a. M./New York 2013.