Kolonialismus

Astrid Windus

K. bezeichnet eine Herrschaftsbeziehung, in der eine Minderheit von Kolonisatoren Entscheidungen über die grundlegenden sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen und religiösen Aspekte des Lebens einer Mehrheit von Kolonisierten trifft und dabei die externen Interessen der Kolonialmacht sowie ggf. privater Investoren verfolgt. Dieses seitens der Kolonisierten als Fremdherrschaft empfundene und auf ökonomische Ausbeutung zielende Verhältnis wird begleitet von religiösen, „rassischen“ und/oder zivilisatorischen Rechtfertigungsdiskursen, die die kulturelle Höherwertigkeit der Kolonisatoren postulieren und das hierarchische Verhältnis zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten festschreiben. Teil dieser kolonialen Diskurse ist die narrative Konstruktion der autochthonen Bev. als nicht­europ. Andere sowie ihre Homogenisierung mittels kollektiver Sammelbezeichnungen („Indianer“), die keine Entsprechung in indigenen Selbstbezeichnungen haben.

Aufgrund der kulturellen und geographischen Diversität LAs sowie seiner heterogenen Geschichte kann nicht von einem einheitlichen K. in LA gesprochen werden, sondern von vielen Kolonialismen. Die Herrschaftsverhältnisse zwischen span. bzw. port. Eroberern und Kolonisatoren und der Bev. indigener und afrik. Herkunft unterschieden sich entsprechend der räumlichen, wirtschaftlichen, demographischen und soziopolitischen Rahmenbedingungen (Kolonialzeit). So konnten an den dünn besiedelten „Rändern“ der Kolonialreiche wie im Norden Mexikos, im Süden Argentiniens und Chiles oder im Amazonasbecken, indigene Gruppen über Jh. erfolgreich Widerstand leisten. Demgegenüber zeichneten sich diejenigen Regionen, die in altamerik. Zeit die Kernländer der sog. „Hochkulturen“ darstellten (Zentralmexiko, mittlerer Andenraum), durch ein enges Zusammenleben von Indigenen und Europäern sowie durch eine starke Präsenz des span. Herrschafts- und Verwaltungsapparats und der katholischen Kirche aus. Hier spielten die indigenen Eliten eine herausragende Rolle, da sie oftmals als verlängerter Arm der Kolonisatoren wirkten und diesen bei der Beschaffung von Arbeitskräften und dem Einziehen von Tributen und Abgaben halfen. Gleichzeitig fungierten sie als sprachliche und kulturelle Vermittler und Übersetzer zwischen Kolonisatoren, Priestern und Kolonisierten. Wiederum anders stellten sich die Verhältnisse in der von Sklaverei geprägten Plantagenwirtschaft dar. Auf den Plantagen bildeten die Afrikaner und Afroamerikaner geschlossene Gemeinschaften, die unter massiver Kontrolle, Ausbeutung und Entrechtung durch die Plantagenbesitzer litten, den kirchlichen Institutionen allerdings eher ferngehalten wurden.

Sowohl seitens der Indigenen als auch der afrikanischstämmigen Sklaven wurde über die gesamte Kolonialzeit hinweg widerständiges Verhalten praktiziert, in Alltagssituationen ebenso wie mittels lokaler oder überregionaler Aufstände. Trotzdem war der europ. K. in LA durch den Kulturkontakt und die interethnischen Beziehungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten stark von kulturellen Vermischungen und Transformationen (mestizaje) geprägt. Dies beeinflusste das Alltagsleben, die materielle Kultur, die Religion, das Denken und die Konstruktion kultureller Identitäten und deren Repräsentationen maßgeblich. Besonders aufgrund dieses transkulturellen Charakters, aber auch in struktureller und zeitlicher Hinsicht unterscheidet sich der K. in LA von den späteren Kolonialismen des 19. und 20. Jhs. in Afrika und Asien. Während die Länder LAs im 19. Jh. bereits die Dekolonisierung einläuteten, hatte die Hochphase des brit. und franz. K. noch nicht begonnen. Dementsprechend unterschiedlich ist die postkoloniale Reflexion über das Phänomen K. seitens der akademischen Eliten. So wird von einer Fraktion innerhalb der LA-Studien die Auffassung vertreten, dass es Repräsentationen antikolonialen Widerstands und nichteurop. Identität in Form von Texten, visuellen Quellen, Artefakten oder andersartigen Ausdrucksformen über die gesamte Kolonialzeit bis in die Gegenwart gegeben habe. In das Geschichtsbild seien auch nichteurop. Akteure als historische Subjekte eingegangen. Von anderer Seite wird die lateinamerik. K.-Kritik stärker an die aus dem US-amerik. Wissenschaftskontext hervorgegangenen Postcolonial Studies angebunden. Die Frage, inwieweit Akteure, denen der Zugang zur herrschenden Klasse verwehrt war bzw. ist (Subalterne), tatsächlich in der Lage waren bzw. sind, ihre eigenen Stimmen gegen koloniale Herrschaftsverhältnisse zu erheben, wird hierbei, meist mit Bezug auf zeitgeschichtliche Phänomene, wesentlich kritischer reflektiert.

Literaturhinweise

J. Osterhammel, J. C. Jansen: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2012; M. Moraña, E. Dussel, C. A. Jáuregui (Hg.): Coloniality at Large. Latin America and the Postcolonial Debate, Durham/London 2008.