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Editionen (2)

Antike Texte sind in einem komplizierten, fehlerintensiven Überlieferungsprozess auf uns gekommen – der u. a. durch ein durch Jahrhunderte immer wiederholtes Abschreiben der Texte gekennzeichnet ist. Fehler entstanden dabei durch unterschiedliche Formen von Verschreibungen, durch Auslassungen, aber auch durch Veränderungen, wenn ein Schreiber glaubt, einen Fehler in seiner Vorlage entdeckt zu haben und ihn korrigieren will. Aufgabe der Textkritik (und damit des Editors) ist es, überlieferungsbedingte Fehler zu erkennen und zu heilen. Also:

Die verschiedenen Manuskripte, die es für einen Text gibt, müssen geordnet und in ihrem je unterschiedlichen Wert für die Herstellung eines Textes bestimmt werden: in der Regel versucht man die Abhängigkeiten der Manuskripte voneinander durch einen Stammbaum (ein Stemma) darzustellen (hier am Beispiel der Handschriften der Kaiserbiographien Suetons, eines relativ komplizierten Stemmas).

Auf diese Art kann man versuchen, aus verschiedenen Handschriften auf eine gemeinsame Vorlage zu schließen und den Text dieser – erschlossenen – Vorlage aus den späteren Handschriften zu rekonstruieren (hier: ω). Aber selbst dieser sog. Archetyp der Überlieferung ist meist noch Jahrhunderte vom Verfasser entfernt – Jahrhunderte, in denen auch Fehler in der handschriftlichen Überlieferung entstanden. Solche Fehler müssen gefunden und möglichst verbessert werden – wozu der Stil eines Autors, einer Zeit, eines Genres, evtl. die Metrik, der Inhalt Hinweise geben.

Entscheidungen über den Text sind daher bis zu einem gewissen Grad individuelle Entscheidungen eines Editors, die nicht notwendig an jeder Stelle von jedermann anerkannt werden müssen. Die Differenzen der handschriftlichen Überlieferung, die verschiedenen Lesarten einer Stelle, die bekannten Verbesserungsvorschläge müssen daher dem Benutzer (hier: dem Historiker) in einer kritischen Ausgabe zur Verfügung gestellt werden, damit er sich selber ein Urteil bilden kann. Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet also auch, sich über den Text seiner Quellen Rechenschaft zu geben – und mit kritischen Ausgaben zu arbeiten.

Mindestens 95 % der antiken Autoren sind nicht überliefert, aber man kann sich ein gewisses Bild von ihnen über Zitate, Hinweise, Zusammenfassungen bei erhaltenen Autoren machen. Solche Hinweise sind zu sammeln, und solche „Fragmentsammlungen“ gehören oft zu den wichtigen Aufgaben der Philologie und dem wichtigen Handwerkszeug des Historikers (z. B. „Fragmente der griechischen Historiker“, „The Fragments of the Roman Historians“).

Literaturhinweise

M.L. West, Textual Criticism and Editorial Technique, Stuttgart 1973